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Lebenshilfe aus der Bibel: Das Wunder der Heilung

Meine rechte Hand lässt jeden Tag mehr nach. Sie wird lahmer, und die Finger werden steifer und krummer. Wenn ich morgens aufwache, ist die Hand unbeweglich, zur Faust geballt", so schildert die schwedische Fernsehmoderatorin Ulla-Carin Lindquist den schleichenden Beginn eines Leidens, das ihr nach und nach die Lebenskraft raubt. An ihrem 50. Geburtstag erfährt die vierfache Mutter die schreckliche Diagnose: Sie leidet an ALS, einer unheilbaren Krankheit, bei der Nervenzellen absterben, welche die Muskeln versorgen. Die Folge ist eine fortschreitende Lähmung, die zum Tode führt, wenn sie die Atemmuskulatur erreicht hat. "ALS hat mir schon meine rechte Hand genommen", protokolliert Lindquist, während die Krankheit ihren unabwendbaren Verlauf nimmt: Die linke Hand hat zu dem Zeitpunkt noch drei Finger, die auf dem Computer schreiben können, während die Lähmung die Zunge trifft und das Sprechen zur Qual macht. "Großer Gott, sei lieb zu meinen drei Fingern und meiner Zunge", betet die Kranke. Doch ein Wunder geschieht nicht. Die Krankheit triumphiert mit einem "leichenhaften Hohngelächter", wie die zarte blonde Frau in ihrem Buch "Rudern ohne Ruder, mein Leben und Sterben mit ALS" schreibt. Eine Pastorin besucht die Kranke und liest ihr aus der Bibel vor. Sie wählt nicht die Stelle, die davon erzählt, wie Jesus einen Gelähmten heilt (Matthäus 9,1-8). Stattdessen entscheidet sie sich für die Klage des Hiob im Alten Testament: "So merkt doch endlich, dass Gott mir Unrecht getan und mich mit seinem Jagdnetz umgeben hat… Er hat meinen Weg vermauert… und hat Finsternis auf meinen Steig gelegt… Er hat mich zerbrochen… und hat meine Hoffnungen ausgerissen wie einen Baum." (Hiob 19,6-10). Hoffnungen: "Hoffnung und Heilung sind für Menschen, die mit Kranken arbeiten, gefährliche Worte", schreibt Psychotherapeutin Monika Renz, Leiterin der Psychoonkologie im Schweizer Kantonsspital St. Gallen in ihrem Buch "Grenzerfahrung Gott". Fast alle Patienten, die sie begleitet, hoffen zunächst, gesund zu werden. Und die meisten hoffen auf ein Wunder. So muss sie häufig mit den Leidenden "von unrealistischer zu geläuterter Hoffnung finden", zu einer Hoffnung, die sowohl für eine Rückkehr ins Leben wie auch für einen baldigen Tod offen ist. Wie ein roter Faden begleitet eine solche Hoffnung Schwerkranke auf ihrem Weg. Und wandelt sich mit dem Fortschreiten der Krankheit von der Hoffnung gesund zu werden zur Hoffnung auf eine nochmals gute Zeit; von der Hoffnung auf Leben zur Hoffnung auf einen guten Tod.

 

Die Sehnsucht nach einem Wunder bleibt lebendig

 

Die Berichte über Wunderheilungen im Neuen Testament erzählen etwas völlig anderes: Blinde sehen. Gekrümmte richten sich auf. Lahme gehen. Tote stehen zu neuem Leben auf. Bis in die Neuzeit hinein wurden diese Geschichten mit großer Selbstverständlichkeit als Eingriffe Gottes ins Naturgeschehen begriffen. Heute gehören sie zu den am meisten umstrittenen biblischen Texten. Der Marburger Bibelwissenschaftler Rudolf Bultmann (1884 - 1976) prägte die nüchterne Einstellung der Moderne mit dem Satz: "Man kann nicht elektrisches Licht gebrauchen und Radioapparate benutzen und gleichzeitig an die Wunder- und Geisterwelt des Neuen Testaments glauben." Diesen Worten zum Trotz bleibt die Sehnsucht nach einem Wunder lebendig, auch und gerade in Zeiten wie den heutigen. Laut einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie glauben 56 Prozent aller Deutschen an Wunder und verstehen darunter in erster Linie das unversehrte Überstehen eines Unfalls, die Rettung aus einer scheinbar ausweglosen Situation und nicht zuletzt die Heilung von einer schweren Krankheit. Jahrtausende alt sind die biblischen Geschichten, die von wunderbaren Heilungen erzählen. Ihre Strahlkraft scheint zeitlos zu sein. Damals wie heute rühren sie an. Wie die Geschichte von der Schwiegermutter des Petrus, die mit Fieber im Bett lag (Markus 1,29-31). Jesus ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. "Da wich das Fieber von ihr…" heißt es im Evangelium. Hat es sich tatsächlich so einfach zugetragen wie es sich liest? Ist ein Wunder geschehen, damals in Galiläa, im Haus des Simon?"Dass Jesus Kranke geheilt hat, steht außer Zweifel, das ist der Stand der heutigen Bibelforschung. Selbst der liberalste Bibelwissenschaftler muss das anerkennen", sagt Hanneliese Steichele, Professorin für Neues Testament an der Katholischen Fachhochschule Mainz und ehemalige KDFB-Präsidentin. Allerdings seien die Heilungswunder nicht als protokollarische Berichte zu verstehen: "In der Antike gab es vorgeprägte Erzählschemata, in die auch diese biblischen Erzählungen gegossen wurden", so Steichele. Der genaue Verlauf des Geschehens lasse sich deswegen nicht mehr nachvollziehen. Auch habe es in der Antike keine moderne Diagnostik gegeben, die Krankheiten seien nur vage beschrieben. Nach historischen Details zu fragen, macht wenig Sinn, denn eindeutige Antworten fehlen. Und genau darin sieht Hanneliese Steichele eine Chance: "Wir haben die Freiheit, mit diesen Texten offen umzugehen und mehrere mögliche Deutungen anzunehmen." So laden die alten Heilungsgeschichten Gläubige auch heute dazu ein, sich auf sie einzulassen, um in ihnen einen ganz persönlichen "gottdurchlässigen Punkt" für sich zu finden, wie die Neutestamentlerin sagt. "Alle diese Geschichten sind wie kunstvolle Glasfenster, durch die das Licht der Sonne gebrochen wird, in die wir ohnehin nicht direkt blicken können", schreibt der Heidelberger Theologe Klaus Berger in seinem Buch "Jesus": "In, mit und unter den vielen Buchstaben ist Gott selbst gegenwärtig. Denn wir stoßen am Grund der Schrift auf sein Wort und dann auf ihn."

 

Die Kranken haben eine aktive Rolle

 

Als Mirakel, die eine Heilung "wie auf Knopfdruck" suggerieren, wollen die biblischen Wundererzählungen nicht verstanden werden, meint Hanneliese Steichele. "Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein", sagt Jesus zu der blutflüssigen Frau, die heimlich sein Gewand berührt hat (Markus 5,34). Dein Glaube hat dir geholfen: Dieser Satz, den Jesus viele Male wiederholt, führt weg von der magischen Vorstellung eines Heilers, der Zauberkräfte besitzt. Die Rolle der Kranken ist keine passive. Denn, so Steichele: "Die Kranken müssen sich zunächst innerlich öffnen, erst dann kann Heilung geschehen." Dort, wo der Glaube fehlt, kann Jesus keine Wunder tun. In seinem Buch "Jesus" schreibt der Theologe und Publizist Jörg Zink: "Ich sehe ihn, wie er die Hände auf die Augen eines Blinden legt, wie er die zerstörte Haut eines Aussätzigen berührt, wie er dringlich und direkt einen Kranken fragt, ob er denn glauben könne, um ihn danach zu heilen. Immer geht er mit der Hoffnung, einem Vertrauen zu begegnen, auf Menschen zu, und wenn das beiderseitige Vertrauen zusammengeflossen ist, kommt es zu einem Eingriff in die Krankheit." Denn Jesus, der Sohn Gottes, ist nicht allein in sich selbst verankert. Die Wunderheilungen, die er vollbringt, nennt die Bibel auch "Zeichen": Sie zeigen auf etwas viel Größeres, sie zeigen auf Gott. "Wer sich auf Jesus einlässt, damals wie heute, den nimmt er mit hinein in den Stromkreis der Liebe Gottes. Ein Kranker, der sich im Gebet Jesus öffnet, verändert sich, selbst dann, wenn seine Krankheit bleibt", sagt die Mainzer Bibelwissenschaftlerin Hanneliese Steichele.

 

"Das Verbundensein mit Gott macht heil"

 

Monika Renz, Leiterin der Psychoonkologie in St. Gallen, sagt erstaunlich Ähnliches: "Zweifellos hatte Jesus Heilungsfähigkeiten. Doch sein eigentliches Anliegen ging darüber hinaus. Er wollte zeigen: Das Verbundensein mit Gott macht heil. Genau das erleben Schwerkranke." Und sie, die Psychotherapeutin, erlebt wunderbare Wandlungen mit: "Viele Kranke gehen einen Weg, der von einem gelähmten, verdorrten Zustand bis zu einem von Gott genährten Dasein führt. Dabei geht es den Kranken nicht unbedingt gesundheitlich besser. Sie verändern sich innerlich." Die an ALS erkrankte Ulla-Carin Lindquist schildert in ihrem Buch eine solche Erfahrung: "Mein Bruder erzählt von dem Krebs, der aus seiner Lunge entfernt worden ist, und wie ihn der verändert hat. … Er ist jetzt viel fröhlicher. Und ich auch. Jetzt hat er also eine Krebsoperation hinter sich, und die Narbe ist rot, und ich habe meine Krankheit, und wir sind beide fröhlicher. 'Woher kommt nur diese Kraft?', möchte er wissen." Woher kommt die Kraft mitten in einer schweren Krankheit? "Am Anfang ist oft eine tiefe Verzweiflung da", sagt Monika Renz. "Warum gibt es das Leid? Warum muss gerade ich krank sein?", lauten die bangen Fragen, auf die es keine Antwort gibt. Und: "Wieso werde ich nicht geheilt, wenn doch die Bibel von Heilungen berichtet?" Schmerz und Angst führen Regie. Es ist kaum auszuhalten. Mitten in diese Verzweiflung hinein sagt Monika Renz dann diese Worte: "Versuche Ja zu sagen zu deiner Krankheit! Nicht wegen mir, nicht wegen Gott, sondern weil es dir selbst dann besser geht." Diesen Schritt mutet sie den Patienten zu – weil sie weiß, dass sich ihre Lebensqualität ändert, wenn sie ihn vollzogen haben. Mit dem Ja zu der Krankheit fällt der Mensch auf eine tiefere Ebene. Es ist wie der Sturz in den Brunnen in dem Märchen von Frau Holle: Unten ist eine grüne Wiese. Der Kranke wird friedlich, braucht weniger Schmerzmittel. Denn tief in seinem Inneren fühlt er sich getragen. "Gotteserfahrung ist Grenzerfahrung", sagt Monika Renz. An der äußersten Grenze, in extremer Erschöpfung, wenn alles verloren zu sein scheint, da geschieht es, immer wieder: "Die Menschen erleben etwas Neues, etwas Schönes." Sie erfahren das Heilsein, auch wenn der Krebs sich weiter in die Eingeweide frisst. Monika Renz spricht von spirituellen Erfahrungen im Krankenhaus, die sie in ihrer Studie erfasst hat: Ein Jahr lang hat sie 251 Patienten begleitet und ihre Erfahrungen protokolliert. Deutlich mehr als die Hälfte von ihnen haben die Nähe Gottes erlebt, auf die eine oder andere Weise.

 

Eine Erfahrung des grundsätzlichen Geliebtseins

 

Überdurchschnittlich oft sei dabei ein mitfühlender Mensch im Spiel gewesen, der sich auf den Kranken intensiv eingelassen hat. "Radikales Mitfühlen kann in Gotteserfahrung übergehen", sagt Renz und erzählt die Geschichte der Frau A.: Jeden Tag hat ihr Ehemann für sie, die Krebskranke, auf dem Cello gespielt. Es war sein Versuch, ihr zu sagen: Ich liebe dich. Eines Tages wurde Frau A. in die Klinik eingeliefert. Sie war verzweifelt, fühlte sich ausgeliefert, hatte entsetzliche Angst. Und dann passierte es: In ihrem Inneren erklang das Cello-Spiel ihres Mannes. Sie hörte es, in sich gekehrt. Und diese Musik in ihrer Erinnerung wurde zu einer Erfahrung des grundsätzlichen Geliebtseins: "Es war, wie wenn Jesus da wäre", sagte sie zu Monika Renz. "Jesus liebt die Menschen und zeigt es ihnen. Er lässt sich treffen, und das spüren die Leidenden", sagt Renz. Jede Heilungsgeschichte in der Bibel ist die Geschichte einer intensiven persönlichen Begegnung Jesu mit dem Kranken. Die Psychotherapeutin Monika Renz selbst steht niemals als Professionelle beim Patienten. Sie ist Betroffene: "Nur ich selbst bin es - ganz tief als persönlicher Mensch. Genau das." So könne ihre Gegenwart etwas auslösen, können heilsame Prozesse in Bewegung kommen. Und die sind viel umfassender als das Bemühen, die körperliche Krankheit zu kurieren. Sie geschehen "unterhalb der körperlichen Ebene", wie Renz sagt. Denn der Mensch sei ein vielschichtiges Wesen. So kann sich innerlich empfundene Kälte in Wärme wandeln und innere Lähmung zu Lebendigkeit werden. Wunder geschehen. Solche Wunder verändern nicht die Wirklichkeit, meistens zumindest nicht, wohl aber die Art, wie Menschen in die Wirklichkeit blicken. Heilsein ist etwas anderes als Gesundsein. "Schwerkranke können mehr heil sein als Gesunde. Gerade sie sind oft nahe bei Gott, nahe dem eigentlichen Leben", sagt Renz. Die Mainzer Theologin Hanneliese Steichele bestätigt: "Ein Mensch kann körperlich gesund, doch innen tot sein. Er kann auch körperlich todkrank sein, doch in seinem Inneren dichtestes Leben erfahren." Das Heilsein sei nicht von äußeren Umständen abhängig: "Jesus ist trotz Leid und Kreuz heil geblieben. Er ist durch die dunklen Zonen gegangen, selbst durch den Tod. Und er kam bei Gott heraus. Er kann auch uns mitnehmen", sagt Steichele.In einem fortgeschrittenen Stadium ihrer Krankheit, dem Tod näher als dem Leben, notiert Ulla-Carin Lindquist: "Ich könnte von Fremden erzählen, die mich nachts auf die Toilette heben, von der Nahrung, die meinem Magen zu schaffen macht, vom Schleim im Hals, den ich nur mit wachsender Mühe heraushusten kann, und davon, wie mühselig und schwer das Reden für mich ist. Aber in mir sehe ich stattdessen eine offene Tür. Ich bin unterwegs in einen neuen Raum."

 

 

Maria Sileny

Infos:

Monika Renz: Grenzerfahrung Gott. Spirituelle Erfahrungen in Leid und Krankheit, Herder, 2003, 14.90 Euro.

Monika Renz: Von der Chance, wesentlich zu werden. Reflexionen zu Spiritualität, Reifung und Sterben. Buch mit CD. Junfermannsche Verlagsbuchhandlung, 2007, 11.95 Euro.

Ulla-Carin Lindquist: Rudern ohne Ruder. Mein Leben und Sterben mit ALS, Goldmann, 2007, 7.95 Euro.

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 3/2008

 


Eingestellt: 13.05.08