Ermelinda Fernández lebt mit ihrer Mutter und den drei jüngeren Geschwistern in einer zugigen Holzhütte am Ufer des Rio Paraguay in Asunción. Die Hütte im Armenviertel Chacarita wird häufig überflutet, wenn der Fluss über seine Ufer tritt. "Wir sind einfache Leute", sagt die 23-jährige arbeitslose Ermelinda, "aber wir sind stolz auf unser Zuhause." Zu fünft teilen sie sich einen Raum mit zwei Betten. Kochstelle und Küchentisch stehen im Freien.
Frauen stehen alleine da
Ermelindas Mutter ist 45 Jahre alt und ernährt die Familie mit Putzjobs. Wie viele Männer in Paraguay hat sich Ermelindas Vater nach dem sechsten Kind aus dem Staub gemacht. Die beiden älteren Kinder sind bereits aus dem Haus. Mit ihrem Einkommen von knapp 100 Euro im Monat schafft es Mutter Erminia, ihren Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Ermelinda hat Buchhalterin gelernt, aber keine Anstellung. Doch mit Feuereifer engagiert sie sich gegen die Regierungspläne für eine moderne Uferbebauung mit Hotels und Bürogebäuden, für die das Armenviertel mit 12.000 Familien weichen müsste. Die Armen von Paraguays Hauptstadt Asunción kämpfen für den Erhalt ihres Viertels. "Ich bin hier geboren, ich will meine geliebte Heimat nicht verlassen", erklärt Ermelinda auf der ersten Demonstration gegen die Bebauungspläne des Uferstreifens.
Luxusvillen und armselige Hütten
Paraguay ist ein Land der Ungleichheit. In der Hauptstadt macht der Gegensatz zwischen den Luxusvillen in den Außenbezirken und den armseligen Hütten am Fluss den Riss in der Gesellschaft deutlich: Die reiche Oberschicht verbringt ihre Freizeit mit Reiten, Angeln oder Golfspielen. Die zahllosen Armen müssen mit einem US-Dollar am Tag auskommen, ziehen in die Stadt, um sich mit Gelegenheitsjobs wie Schuheputzen oder Kleinhandel über Wasser zu halten. Wer nicht zu den Armen zählt, kann in Paraguay gut leben. "Es ist nicht so schwer, ein großes Haus mit Schwimmbad zu erwerben, und die Dienstleistungen sind sehr günstig. Das Land ist paradiesisch schön und der Zusammenhalt der Menschen groß", erklärt die Paraguayerin Sonia Bareiro bei einem Weltgebetstags-Seminar in Stein bei Nürnberg.
Die Militär-Diktatur prägt noch heute das Land
Sonia Bareiro stammt selbst aus der Mittelschicht. Die Mittel- und Oberschicht macht nur zehn Prozent der Bevölkerung aus. Doch die Korruption in Paraguay und politische Gründe zwangen die 37-Jährige, mit ihrer Familie auszuwandern. Seit zwei Jahren lebt sie mit ihrem Mann, einem deutschstämmigen Paraguayer, und ihrer vierjährigen Tochter in Münster. "1989 ging die fast 35 Jahre dauernde Militärdiktatur von Alfredo Stroessner zu Ende. Doch das Regime hat sich nicht wirklich verändert", erklärt Sonia, die in Heidelberg und in Paraguay Rechtswissenschaften studierte. 18 Jahre lang hat Paraguay nun eine Demokratie. Doch der gesellschaftliche Umgestaltungsprozess nach der Stroessner-Diktatur kommt nur langsam voran. Seit mehr als fünfzig Jahren wird die Politik des südamerikanischen Landes von der Colorado-Partei dominiert. Nahezu alle Präsidenten waren Parteimitglieder, und nach jeder Neuwahl wurde zwar der politische Führer ausgewechselt, die Parteistruktur blieb jedoch erhalten. "So bestimmen auch derzeit in Politik, Wirtschaft und Justiz immer noch diejenigen, die auch in Zeiten der Stroessner-Diktatur an der Macht waren", erklärt Sonia.Beim Putsch gegen Stroessner, 1989, war sie 19 Jahre alt: "Ich war sehr glücklich, als Stroessner nach dem Putsch durch seine Parteikollegen ins Flugzeug nach Brasilien stieg. Ihm sind zahlreiche Menschenrechtsverletzungen zuzuschreiben." Vielen Paraguayern blieb die Dimension der Gewalt in dieser Zeit verborgen. "Sie waren überrascht, als kurz nach dem Putsch die so genannten Archive des Schreckens entdeckt wurden, mit tausenden von Bildern und Berichten über schreckliche Fakten", erzählt Sonia.
Korruption hat Konjunktur
Auch der aktuelle Präsident Nicanor Duarte Frutos ist Mitglied der Colorado-Partei, die in verschiedene Gruppierungen unterteilt ist. Nun will der rechte Flügel der Colorado-Partei die Parteiführung übernehmen. An seiner Spitze steht Alfredo "Goli" Stroessner, der Enkel des Ex-Diktators. Aber es besteht Hoffnung auf eine politische Wende: Seit 2006 kommt es häufiger zu Demonstrationen und zur Erstarkung einer einheitlichen Oppositionsbewegung.Ein gewichtiges Hindernis im Umgestaltungsprozess ist die weit verbreitete Korruption. Auf dem Internationalen Korruptionsindex belegt Paraguay den 13. Platz und gilt als das korrupteste Land Lateinamerikas. "Bei der Korruption nicht mitzumachen ist schwer. Es ist selten, dass bei Behörden, Polizei oder im Geschäftsleben keine Schmiergelder gezahlt werden müssen. Mein Mann und ich haben probiert, keine Schmiergelder zu zahlen, doch wir sind müde geworden", erzählt Sonia. "Unser letztes Jahr in Paraguay war besonders schwer. Immer wieder tauchte als Schikane ein Beauftragter der Regierung auf, um die gesamten Geschäftspapiere der Firma zu überprüfen, in der mein Mann als Geschäftsführer arbeitete."
Subtropisches Klima, extreme Armut
Wenn Sonia nicht über die paraguayische Politik redet, sondern über die Natur in ihrem Land erzählt, dann leuchten ihre Augen. Paraguay ist etwa so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen und mit nur sechs Millionen Einwohnern eines der am dünnsten besiedelten Länder Südamerikas. Es herrscht ein subtropisches Klima. Im Sommer (Dezember bis März) erreichen die Temperaturen 45 Grad, während das Thermometer im Winter (Juni bis September) in seltenen Fällen bis unter Null Grad fällt.Paraguay zählt zu den ärmsten Ländern Südamerikas. In ländlichen Gebieten leben 60 Prozent der Bevölkerung in Armut, 25 Prozent sogar in extremer Armut. Aber dafür hat Paraguay ein Kapital, von dem andere Länder träumen: junge Menschen. 70 Prozent der Bevölkerung sind Mitte Dreißig oder jünger.
Mestizen als größte Volksgruppe
Etwa 95 Prozent der Paraguayer sind Mestizen, das heißt, sie haben indigene und europäische Vorfahren. Nur 1,7 Prozent der Bevölkerung, insgesamt rund 87.000 Personen, werden als "indigen" bezeichnet. Sie gehören zu 17 verschiedenen Völkern von Ureinwohnern.Guarani, die Sprache der Ureinwohner, ist in Paraguay seit 1992 neben Spanisch die zweite Amtssprache. Sogar in vielen Schulen wird in Guarani unterrichtet. Dennoch ist es bei der Suche nach Arbeit und dem Bestreben um sozialen Aufstieg ein Stolperstein, als Muttersprache Guarani zu sprechen. Wer in Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur mitreden will, muss Spanisch beherrschen.
Viele Deutsche leben im Land
Eine dritte wichtige Bevölkerungsgruppe stellen die europäischen, asiatischen und brasilianischen Einwanderer dar. Eine besondere Bedeutung kommt den deutschstämmigen Mennoniten zu, die in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf Einladung der paraguayischen Regierung aus Russland und Kanada einreisten, um menschenleere Gegenden zu besiedeln. Der Name "Mennoniten" leitet sich von Menno Simons (1496–1561) her, einem katholischen Priester aus den Niederlanden, der sich 1536 zu den Wiedertäufern bekannte. Die Mennoniten sehen sich als evangelische Freikirche und lehnen Kindertaufe und Wehrdienst ab. Sie suchen ihre Orientierung ausschließlich in der Bibel. Auch die Amish People in den USA sind eine Mennoniten-Gruppe. Während der Diktatur des deutschstämmigen Staatspräsidenten Alfredo Stroessner – sein Vater war fränkischer Bäckermeister – sind Zehntausende von Deutschbrasilianern aus Brasilien eingewandert. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs kamen auch viele Alt-Nazis ins Land. Derzeit leben 45.000 Deutsche in Paraguay.
Versklavte Dienstmädchen
Zur am stärksten diskriminierten Bevölkerungsgruppe zählen in Paraguay die Indigenen oder "Indigenas". "Sie leben in absoluter Armut und sind mit ihren Traditionen und ihrer Kultur vom Aussterben bedroht", erklärt Sonia Bareiro. Ihren Lebensunterhalt bestreiten sie auf dem Land von dem, was sie selbst anpflanzen, ernten, sammeln und jagen. Da ihr Auskommen sehr karg ist, ziehen viele indigene Familien in Stadtnähe, um von Lohnarbeit zu leben. Mit Diskriminierung haben auch viele Frauen in Paraguay zu kämpfen, vor allem jene, die als Hausangestellte arbeiten. Jede fünfte Frau über zwölf Jahren arbeitet in diesem Beruf unter schlechten Bedingungen: zwölfstündiger Arbeitstag, kein Anrecht auf Altersvorsorge und keine Sozialversicherung. Zudem erhält die Mehrheit der Dienstmädchen nicht einmal den Mindestlohn von 60 Euro plus Logis und Kost im Monat. "Dieser Beruf ist eine Art moderne Sklaverei", urteilt Sonia. Viele Hausmädchen suchen eine Arbeit in anderen Ländern. Laut offiziellen Berichten leben zwölf Prozent der Bevölkerung im Ausland, meist in Argentinien. "Es wird geschätzt, dass dort ungefähr eine Million Paraguayer und ihre Nachkommen wohnen", berichtet Sonia. Frauen, die in Argentinien arbeiten, erhalten ungefähr 150 Euro pro Monat und unterstützen damit ihre Familien daheim. Zum Vergleich: Eine Apothekerin in Paraguay verdient etwa den gleichen Betrag, ihr Netto-Verdienst liegt zwischen 150 und 200 Euro im Monat, die Kranken- und Rentenversicherung trägt der Arbeitgeber.
Helfen als moralische Pflicht
Nur 15 Prozent der Bevölkerung in Paraguay sind kranken- und rentenversichert. Die soziale Sicherung ist eine der niedrigsten und unzureichendsten in Lateinamerika. Über 30 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Wer Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch nimmt, muss den größten Teil der Kosten selbst bezahlen, denn die Krankenkassen übernehmen nur wenig. "Wer es sich leisten kann, hat eine private Krankenversicherung, und für die, die es sich nicht leisten können, ist die Solidarität sehr wichtig: Es ist eine moralische Pflicht, bei Krankheit eines Dorfmitglieds Geld zu sammeln und die Familie zu unterstützen", meint Sonia.An diese Solidarität der Menschen erinnert sie sich ganz besonders, wenn sie an ihre Schulferien bei der Großmutter auf dem Land in Carapeguá, 80 Kilometer von Asunción entfernt, denkt: "Oft kamen Frauen zu meiner Oma und haben ihr beim Kochen und Putzen geholfen. Meine Oma gab ihnen dafür etwas zu essen und Lebensmittel." Einmal nahm ihre Großmutter eine kranke Frau auf, die einige Monate mit ihren vier Kindern bei ihr wohnte. Sie hatte Tuberkulose und starb bald. "Zwei ihrer Töchter blieben bei meiner Oma, eine bei meiner Tante und der Sohn bei einer anderen Tante. Und das ist keine besondere, sondern eine ganz normale Geschichte in Paraguay!"
Abtreibung häufigste Todesursache bei schwangeren Frauen
Die Lebenssituationen von Frauen in Paraguay sind sehr unterschiedlich – je nach finanziellem Status, ethnischer Zugehörigkeit und Wohnort. Viele sind allein erziehend: Jede vierte Frau ist für das Überleben der Familie allein zuständig. Gleichzeitig verdienen Frauen 30 Prozent weniger als die Männer. Seit 1961 dürfen sie wählen, aber es gibt bis heute nur wenige Entscheidungsträgerinnen in Politik und Wirtschaft. Ein großes Problem, das viele paraguayische Frauen betrifft, ist die häusliche Gewalt: 2004 gaben 60 Prozent der Frauen zwischen 15 und 44 Jahren an, unter Gewalt von Seiten ihres Partners zu leiden. "Oft werden die Männer am Freitagabend nach ihrem Besäufnis gewalttätig. Doch die Frauen zeigen die Männer nicht an, denn sie wissen nicht, wovon sie leben sollen. Eine Scheidung ist aber seit 1988 möglich", erklärt Sonia und berichtet die tragische Geschichte der Mutter eines Dienstmädchens. Die Frau war trotz der Drohung ihres Mannes schwanger geworden. Sie unternahm einen Abtreibungsversuch, indem sie eine ganze Packung Anti-Baby-Pillen schluckte, und starb daran. Zum Zeitpunkt des Todes war sie 37 Jahre alt, sie hinterließ sechs Kinder." Offiziell ist der Schwangerschaftsabbruch in Paraguay verboten. Häufig kommt es jedoch zu illegalen Abtreibungen unter gefährlichen Bedingungen, deren Folge nicht selten der Tod der betroffenen Frauen ist, vor allem bei ärmeren, jungen oder allein stehenden Frauen. Teenager-Schwangerschaften nehmen zu: Elf Prozent aller Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren waren schon ein oder mehrere Male schwanger. Abtreibung ist inzwischen die häufigste Todesursache bei schwangeren Frauen in Paraguay.
Statt Schule: Autoscheiben putzen Als größtes Problem in ihrem Land sehen die Paraguayer die hohe Arbeitslosigkeit. Nach Schätzungen liegt die Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung bei 40 Prozent. Viele Betroffene und auch Kinder versuchen durch Tätigkeiten wie Autoscheiben putzen, Kaugummi-Verkauf in Bussen oder dem Durchkämmen der Müllhalden zu überleben. Sonia Bareiro führt die hohe Arbeitslosigkeit auf das relativ geringe Bildungsniveau zurück. "Die Schule dauert neun Jahre und ist kostenlos", erklärt die Juristin. Die Schulausbildung umfasst mehrere Ebenen: Vor-, Grund- und Mittelschule sowie die Hochschulbildung. Während Kinder aus der nicht-indigenen Bevölkerung im Durchschnitt sieben Jahre die Schule besuchen, sind es bei indigenen Kindern und Jugendlichen nur durchschnittlich 2,2 Jahre. Zwar gibt es die Schulpflicht, doch keiner kontrolliert sie. Der Zugang zu Bildung ist für Mädchen und Frauen in ländlichen Regionen und Indigenas besonders schwierig. Die Analphabetenquote wurde 2003 mit sechs Prozent angegeben, ist aber höher anzusetzen, weil sich die Analphabetenrate bei älteren indigenen Frauen auf 97 Prozent beläuft.
Regenwald weicht Sojaplantagen
Die paraguayische Wirtschaft leidet an Markt- und Wettbewerbstörungen aufgrund ausufernder Korruption und Schmuggelgeschäften. Schmuggel- und Drogenhandel sind eine der wichtigsten Einkommensquellen in Paraguay. Neben dem Dienstleistungsbereich sind die Land- und Forstwirtschaft der größte Wirtschaftssektor. Wichtige Erzeugnisse sind Soja, Rindfleisch, Baumwolle, Zuckerrohr und Getreide. Von Industrie und Tourismus weitgehend unberührt, war Paraguay bis vor einigen Jahrzehnten eines der wenigen Länder weltweit, in dem sich Umweltschäden kaum bemerkbar machten. Doch die Wälder mussten dem Sojaanbau und den Viehweiden weichen. In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden so 90 Prozent des Regenwaldes gerodet. "Früher haben wir bei Ausflügen vor lauter Bäumen den Himmel nicht gesehen. Jetzt sieht man nur noch grüne Sojaplantagen, soweit das Auge reicht", erzählt Sonia, die in Salto del Guairá an der Grenze zu Brasilien aufwuchs. Die Reste der üppigen Natur werden heute in sieben Nationalparks geschützt. Dort leben noch Affen, Tapire, Gürteltiere, Ameisenbären und Jaguare. Doch die Ausbeutung des Landes nimmt zu: Paraguay war 2004 der viertgrößte Soja-Exporteur der Welt. Die Hülsenfrüchte werfen als Tierfutter hohe Renditen ab. Der Anbau von Soja benötigt jedoch den massiven Einsatz giftiger Chemikalien. Dadurch werden Fauna und Flora geschädigt, Menschen vergiftet und die Ernte auf den benachbarten Feldern zerstört. Bei Menschen kommt es zu bleibenden Schädigungen und sogar zu Todesfällen. Bauernorganisationen dokumentieren diese Fälle und klagen gegen die Großkonzerne – bislang ohne Erfolg.
Hoffnung auf politische Wende
Neben Soja steht Paraguay für ein weiteres wichtiges Erzeugnis: Mate-Tee. Mate-Tee ist das Nationalgetränk, morgens warm und sonst eisgekühlt genossen. Kalt getrunken nennt sich der Mate-Tee "Tereré". Das "Tereré"-Trinken ist stark ritualisiert, erinnert an das Rauchen einer Friedenspfeife und ist das Symbol paraguayischer Lebensart: "Das richtige Tereré-Ritual bedarf einer hundertprozentigen Beschäftigung mit nur dieser Sache. Freunde oder Arbeitskollegen setzen sich in eine Runde und tun nichts anderes als mit einer Art Metall-Siebstrohhalm Tereré aus einem Kuhhorn zu trinken und dabei zu quatschen", erklärt Sonia. Gerne würde die junge Frau mit ihrer Familie heimkehren, sofern sich die politischen Machtverhältnisse ändern. 18 Jahre nach dem Sturz der Diktatur hofft sie auf eine Wende in Paraguay. "Die große Demonstration im März 2006 hieß nicht umsonst ,Paraguay hat die Nase voll‘. Vielleicht ist es jetzt Zeit für eine echte Demokratie", hofft Sonia. Resigniert fügt sie jedoch hinzu: "Betrachtet man die politische Lage und die dahinter steckende Mentalität, klingt das unmöglich." Für Sonia gibt es nur ein Rezept für die Zukunft: "Bildung, Bildung, Bildung!" Karin Schott
Weltgebetstags-Liturgie: Die Frage an die Ahnfrau
Wo bist Du, Sara?
Die Geschichte der Ahnfrau Sara aus dem Alten Testament haben die Frauen in Paraguay für die Gottesdienste am 2. März, dem Weltgebetstag, ausgewählt. Mit Blick auf Sara laden sie ein, den eigenen Glauben zu vertiefen.
Wo ist deine Frau Sara?, wird Abraham von seinen Gästen gefragt (Gen 18). In dieser Bibelstelle erhalten Abraham und Sara von ihren Besuchern die Zusage, dass ihr Kinderwunsch doch noch in Erfüllung gehen wird, trotz ihres Alters. Die Gäste – drei göttliche Gestalten – sind häufig als Engel dargestellt. Sara ist auf Bildern zu dieser Bibelstelle, wenn überhaupt, dann hinter dem Zeltvorhang und am Rande des Geschehens zu entdecken. Im Mittelpunkt stehen drei Männer und Abraham. Die orthodoxe Kirche sieht in den drei Männern die Dreifaltigkeit. Bei der Auslegung der Bibelstelle für die Liturgie des Weltgebetstages haben die Frauen aus Paraguay die Frage Gottes nach der Ahnfrau Sara auf sich und auf alle Frauen in der Welt bezogen.
Christinnen sollen sich nicht verstecken
Wie Sara sehen die Frauen aus Paraguay ihren derzeitigen Standort noch immer "im Zelt Abrahams". Für sie ist dieser Ort die patriarchalisch orientierte Gesellschaft, in der Unterdrückung, Diskriminierung und Ausbeutung den Alltag bestimmen. Sie schreiben dazu: "Wir sind aber aufgefordert, uns unter ,Gottes Zelt zu vereinen’. Deshalb richtet sich Gottes Frage ,Wo ist Sara?’ unmittelbar an uns Frauen heute – an jede Einzelne von uns: Wo bist Du? Wir sollen nicht versteckt sein, Gott will uns sehen, und wir sollen als Christinnen in der Welt sichtbar sein, an unserem Glauben und an unseren Visionen festhalten."Die Theologin Margaret Hebblethwaite, die seit sieben Jahren in Paraguay lebt, hat die Bibelstelle der WGT-Liturgie ausgelegt: "Was könnte wundervoller sein als die Dreifaltigkeit selbst, die nach den Frauen fragt und sich wehrt, nur mit den Männern zu speisen, während die Frauen versteckt und vergessen sein sollen? Gut, aber wo sind nun die Frauen? In der Küche natürlich, was in Genesis durch ,drinnen im Zelt’ übersetzt wird. Gott ging zum Zelt Saras, verwandelte dieses in das Zelt des Herrn und überbrachte ihr in göttlicher Erscheinung die frohe Botschaft, die sie so lange herbeigesehnt und schon als hoffnungslos verloren geglaubt hatte. Sie soll einen Sohn gebären, den versprochenen Sohn... Sara hört die Nachricht und lacht. Das Lachen bedeutet Freude, auch wenn diese mit Misstrauen gepaart ist. Das Unglaubliche ist geschehen – hat all ihre Vorstellungskraft übertroffen." Das Lachen Saras in der Bibel erinnert Margaret Hebblethwaite an die Menschen, mit denen sie in Paraguay lebt. Sie schreibt: "Was ich am meisten bei meinen Freundinnen auf dem Land, meinen Kolleginnen liebe, ist ihr Lachen. Wenn sie lachen, verschwindet der Überlebenskampf, und die tägliche Last ist vergessen."
Das Lachen Saras in der Welt halten
Auch Petra Heilig vom WGT-Team in Deutschland berichtet: "Die Frauen des paraguayischen Weltgebetstagskomitees jedenfalls wollen, wie Gott, das Lachen Saras in der Welt halten und nehmen uns hinein in ihre Glaubenserfahrung und auch in ihre Glaubenshoffnung, dass ,für Gott nichts unmöglich ist’. Angesichts der Geschichte dieses Landes und der aktuellen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Situation Paraguays ist dieses Gottvertrauen keineswegs ein ‚passives sich Dreingeben’. Im Gegenteil, ein solches Vertrauen in Gott eröffnet neue Lebens- und Handlungshorizonte, befreit uns zum Unerwarteten, beschenkt uns mit Hoffnungskraft, ruft uns in Erinnerung, dass wir Beschenkte sind und auch, dass wir füreinander und für Gottes gute Schöpfung Verantwortung tragen.
Saras Begegnung mit Gott: Verheißung und Herausforderung
Sara begegnet Gott. Gott begegnet Sara. Daraus entsteht neues Leben für alle." Deshalb hofft Hebblethwaite für die Zeit nach dem Weltgebetstag, dass Frauen die Geschichte von Sara als Text zurückgewinnen, weil er von der Befreiung von Frauen handelt: "Jede Frau, die sich als Sklavin in ihrer Küche wiederfindet, kann hoffen, weil Gott in ihre Küche kam, sie nach ihrem Namen fragte und die frohe Nachricht überbrachte – ein Versprechen, das zwar für alle Personen gilt, aber speziell von der Lebenssituation der Frauen ausgeht." Für Frauen sieht Hebblethwaite die Gottesbotschaft des Bibeltextes als Verheißung, für Männer sieht sie darin eine Herausforderung. "Es ist eine Herausforderung, den Chauvinismus abzulegen und sich an das Bild eines Paares, wie es von Gott verstanden wird, zu erinnern. Dort wo Männer dominieren, sollte sich die Frage nach der Gleichberechtigung stellen, da es Gott selbst ist, der uns fragt: Wo sind die Frauen?" Anne Granda
KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 2/2007