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Fasten - dem Leben nachspüren

Fasten? Ohne mich!" Maria G. reagiert heftig ablehnend auf die Frage, ob sie sich für die Fastenzeit etwas vornehmen wird. Die 45-Jährige hat zwar schon einige Male überflüssige Pfunde gezielt abgebaut und findet es aus gesundheitlichen Gründen wichtig, auf ihr Gewicht zu achten. Aber Fasten als spirituellem Weg bringt die Katholikin nur große Skepsis entgegen. "Wenn ich den Begriff ,Fastengebot’ höre, denke ich an Selbstkasteiung. Und das ist für mich einfach zu nahe an diesen grauenhaften, vermeintlich christlichen Praktiken, sich selbst Schmerzen zuzufügen, um Christus im Leid nahe zu sein!"

Heilung oder Wahn?

Nicht nur dieser Gedanke lässt Maria G. den Sinn von absichtlich herbeigeführtem Nahrungsentzug anzweifeln. "Eigentlich sollte schon die Reaktion des Körpers zu denken geben, nach solch einem Ab und Auf oft noch mehr Fett einzulagern! Und steckt nicht auch ein Fasten-Wahn dahinter, wenn sich in der Bevölkerung Krankheiten wie Magersucht und Bulimie mehr und mehr ausbreiten? Und was ist mit den Mager-Models, die ihr Leben oder zumindest ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, wegen der angeblichen Schönheit von skeletthaftem Aussehen?" Dass viele, die sich zu fasten überlegen, plötzlich starke Vorbehalte dagegen entwickeln, ist erfahrenen Fastenbegleitern wohlbekannt. Der Theologe und Pädagoge Peter Müller, der seit Jahren FastengruppenleiterInnen ausbildet, kann sich noch gut daran erinnern, wie zögerlich er selbst diesen Weg beschritten hat. Der langjährige Leiter des Katholischen Bildungswerkes Kreis Rottweil wurde Mitte der 80er Jahre von einer Mitarbeiterin auf die wachsende Begeisterung für Fastenkurse, so genanntes Heilfasten, aufmerksam gemacht. Als beim ersten Infoabend über 200 Interessierte kamen, startete er in seinem Haus mit dem Angebot. Das Fastenangebot wurde durch spirituelle Begleitung ergänzt. Erst im Laufe der Jahre machte Müller selbst mit und entdeckte: "Die Wirkung von Fastentagen für Gesunde erschließt sich nur, wenn man sich, trotz aller Skepsis, ganz darauf einlässt."

Uraltes Weisheitswissen

Auch die evangelische Bildungsreferentin, Schwester Katharina Schridde vom Geistlichen Zentrum Schwanberg, betont in ihrem gerade veröffentlichten Übungsweg zur Fastenzeit, dass es beim Fasten keineswegs um eine weltfremde Leibfeindlichkeit gehe. "Es geht vor allem um Sehnsucht, um Sehnsucht nach Leben, nach Leben in Fülle und Sinnlichkeit, nach Aufrichtigkeit und Frieden. Und es geht um einen Weg der Befreiung, der Befreiung von dem, was mich auf dem Weg der Menschwerdung und der Gottesbegegnung hindert, es mögen äußere oder innere Widerstände und Hindernisse sein." Dass Fasten dem Menschen gut tut, darauf könnte jeder Gesunde eigentlich vertrauen. Denn Fastenempfehlungen gehören zum uralten Weisheitswissen der Menschen, das in allen großen Religionen bewahrt und weitergegeben wird. Die frühen Christen übernahmen die Praxis aus dem Judentum. Dort galt es als fromm, zweimal in der Woche zu fasten. Um sich zu unterscheiden, wählten die Christen als Fastentage statt Montag und Donnerstag, Mittwoch und Freitag. Das 40-tägige Fasten zur Vorbereitung auf Ostern entwickelte sich bis zum Ende des 3. Jahrhunderts zum festen Gebot. Weitere Gebote folgten, für die es aber auch Ausnahmeregelungen gab. Als dann vor gut zwanzig Jahren das Heilfasten, von der Medizin entdeckt, zur Mode wurde, gab das den Anstoß, auch innerhalb der Kirche die eigene Tradition wieder neu zu entdecken. Denn, so die Beobachtung des Benediktiners Anselm Grün aus Münsterschwarzach: "Jahrzehnte hatte sie diese Tradition nur noch äußerlich durchgehalten, aber den Sinn des Fastens immer mehr vergessen." Mit seinem Büchlein "Fasten", das er 1984 erstmals herausbrachte, spürte er in den Texten der Bibel, der Kirchenväter und monastischer Autoren diesem Sinn nach. "In allen Religionen ist das Fasten ein Weg der inneren Reinigung und des Sich-Öffnens gegenüber Gott und der göttlichen Kraft", folgerte er.

Um die Reinheit des Herzens ringen

Doch was steckt hinter dem Begriff "innere Reinigung"? Anselm Grün hat dazu im alten Mönchtum Antworten gefunden: "Die Mönche setzen das Fasten als bewährtes Mittel im Ringen um die Reinheit des Herzens ein, die ihr eigentliches Ziel ist. Sie wollen für Gott offen werden, sie wollen erreichen, dass sie beständig in der Gegenwart Gottes leben und in ihren Gedanken und Gefühlen immer bei Gott und in Gott sind. Reinheit des Herzens bedeutet für sie, in ihrem Herzen zur Ruhe zu kommen, weil das Herz ganz auf Gott gerichtet und von seinem Geist durchdrungen ist." Im Umkehrschluss geht aus dieser Antwort hervor, dass Menschen gewöhnlich nicht für Gott offen sind, sich seiner Gegenwart oft nicht bewusst sind, ihr Herz voll Unruhe ist und durchdrungen von vielen Dingen, die nicht zu Gott hinführen.

Probleme nicht herunterschlucken

Das Fasten wird nun als Mittel eingesetzt, diesen Normalzustand des Menschen zu verändern. Wie das geschieht, beschreibt der Fastenbegleiter Peter Müller: "Bekanntlich können wir durch zu viel Essen seelische Probleme, Frustration, Ärger, innere Leere oder Unzufriedenheit ,herunterschlucken’ und zudecken. Im Fasten hören wir auf, unsere wahren Sehnsüchte mit Konsum, Stress und ständigen Belastungen zu betäuben. Neben den wahren Bedürf-nissen bezüglich meiner Lebensgestaltung kann hier auch die Sehnsucht nach einer neuen beziehungsweise tieferen Gottesbeziehung hochkommen." So wird durch das Fasten zum einen eine klarere Sicht auf den eigenen Standpunkt ermöglicht. Gleichzeitig bringt der Fastende, so Anselm Grün, nicht nur mit Worten, sondern mit dem ganzen Körper sein Rufen nach Gott zum Ausdruck. "Das Beten wird Fleisch, es erfasst auch unseren Leib, wenn es sich im Fasten ausdrückt. Dann ist unsere Gottesbeziehung nicht mehr bloß im Kopf, dann sagen wir Gott nicht mehr nur fromme Worte, sondern dann bekennen wir ihm mit unserem Leib, dass wir uns nach ihm sehnen, dass wir ohne ihn leer sind, dass wir angewiesen sind auf seine Gnade, dass wir von seiner Liebe leben und dass unser Hunger letztlich nicht von irdischen Speisen gesättigt werden kann, sondern nur von Gott selbst, von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt (Mt 4,4)."

Die verschiedenen Formen des Fastens

Wahrscheinlich spüren viele, die dem Fasten mit skeptischen Fragen begegnen, wie grundlegend ihr Leben hinterfragt werden könnte, wenn sie sich auf diesen Weg einlassen. So formuliert Katharina Schridde als Ziel des Fastens: "Ziel der Übung des Maßhaltens, und damit auch des Fastens, ist es, erkennen und entscheiden zu können, was dem Leben, dem wirklichen ganzen, vollen selbstbestimmten Leben dient und was es hindert."Und nicht nur Körper und Seele reagieren auf das Fasten. Fasten zielt auf den Menschen als ganzheitliches Wesen, hat Müller erkannt. Das bedeutet, weitere Erfahrungs- und Handlungsbereiche spielen eine Rolle. Er unterscheidet das geistige, das spirituelle, das soziale und das pro-aktive Fasten:– Die Wirkung des Fastens auf den Geist hat der Religionsphilosoph Romano Guardini beschrieben: "Der Geist wird freier. Alles löst sich, wird leichter, Last und Hemmung der Schwere werden weniger empfunden.(...) Der Geist wird fühliger. (...) Das Gefühl für geistige Entscheidungen wächst." Um solche Erfahrungen zu verstärken, empfiehlt Müller, auch im geistigen Bereich auf etwas zu verzichten, zum Beispiel auf das Fernsehen oder den neuesten Film. – Spirituelles Fasten lädt ein, so Müller, nach dem Sinn einer Situation und dem Sinn des eigenen Lebens zu suchen, und fordert den Einzelnen im Alltag auf, Gottes Spuren in sich, in anderen Menschen, in der Schöpfung, in allen Dingen und Ereignissen wahrzunehmen und zu entdecken. – Der Begriff soziales Fasten kann wohl als Übersetzung der alten christlichen Tugend "Almosen geben" verstanden werden. Nach Müller bedeutet das, eine Umkehr des Herzens anzustreben im Engagement für andere, wie es im Alten Testament der Prophet Jesaja (58,5–7) formuliert. Dort versucht der Prophet als Botschaft Gottes den Menschen die richtige Art zu fasten nahezubringen: "Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen." – Nah am Bereich des sozialen Fastens ist das pro-aktive Fasten. Für Müller stellt es nicht den Verzicht in den Vordergrund. Es geht vielmehr um ein aktives Handeln für etwas. Dem Bereich des pro-aktiven Fastens ist die Fastenaktion zuzuordnen, die der Frauenbund der Diözese Trier bereits im achten Jahr veranstaltet. Das Motto "7 Wochen mit: Produkte aus der Region und dem fairen Handel" soll 2007 sehr praxisbezogen umgesetzt werden. "Wir bieten in diesem Jahr ein Haushaltstraining mit vier Seminartagen an", erläutert Regina Parge-Ahrling vom Diözesanverband. Dabei soll es nicht nur um bewusstes regionales Einkaufen gehen. Ziel ist eine nachhaltige Umstellung des eigenen Verhaltens, die über die Fastenzeit hinausgeht. Im Seminar können die Teilnehmerinnen ein besseres Zeit- und Finanzmanagement im Haushalt lernen. Das ist wichtig, um zwei Vorurteile an der Wurzel zu packen: Selber Kochen dauert zu lang, und regionale Produkte sind zu teuer."Wir hoffen, mit dieser Aktion wieder so erfolgreich wie bisher in die Öffentlichkeit zu kommen", erläutert Regina Parge-Ahrling. Für sie ist die Fastenaktion eine gute Möglichkeit, um junge Frauen auf die Arbeit des Verbandes aufmerksam zu machen. In vielen Diözesanverbänden des KDFB ist die bewusste Gestaltung der Fastenzeit ein wichtiges Thema. Seit 1989 bietet Christel Bierschneider vom Diözesanverband München-Freising Fastenwochen an. "Diese Wochen haben eine erstaunliche Entwicklung genommen. Weg von der strengen Konzentration auf das Fasten, hin zum Thema ,Fasten feiern’", berichtet Bierschneider, die auch Fastengruppenleiterinnen ausgebildet hat.

Üble Nachrede vermeiden

So ratsam es ist, einige Zeit auf Nahrung zu verzichten, lässt ein Mönchsvater alle Anstrengungen nur unter einer Bedingung gelten, "wenn du dich der Nahrung enthältst und du sagst etwas Schlechtes von jemanden, und du verurteilst, du bist rachsüchtig einem anderen gegenüber, oder du lässt schlechte Gedanken in dich ein, oder du sehnst dich im Geist danach, etwas derartiges zu tun, so wäre es viel besser, wenn du den Tag mit Essen zubringst und alles das meidest, als dich nüchtern damit zu sättigen. Doch wenn du die Enthaltsamkeit und das Fasten praktizieren willst, so wie es Gott gefällt, hüte dich vor jedem schlechten Wort, vor jeder üblen Nachrede, vor jeder Verurteilung und öffne dein Ohr nicht schlechten Reden." Anne Granda

Infos

– Informationen zur Fastenaktion des Diözesanverbandes Trier unter dem Titel Weniger-Anders-Besser. Gut leben und nachhaltig wirtschaften gibt es beim Diözesanverband Trier, Kochstr. 2, 54290 Trier, Telefon 0651/474 94, E-Mail KDFB.Trier@t-online.de; das Seminar zur Aktion findet statt am 23. /24. Februar und am 2./3. März. – Unter dem Motto Fasten feiern veranstaltet der Diözesanverband München-Freising in Nittendorf bei Regensburg vom 5. bis 11. März eine Fastenwoche. Infos beim Diözesanverband unter Telefon 089/557342, E-Mail kontakt@fraeunbund-muenchen.de, www.frauenbund-muenchen.de– Unter dem Motto Fasten – Verzichten – Gewinnen bietet der Diözesanverband Speyer im Bistumshaus St. Ludwig in Speyer vom 26. März bis 1. April eine Fastenwoche an. Infos beim Diözesanverband unter Telefon 06341/919288, E-Mail: KDFB-Speyer@t-online.de, www.frauenbund-speyer.de– Zum Weiterlesen:Anselm Grün: Fasten. Beten mit Leib und Seele, Vier-Türme-Verlag, 2002, 6.60 Euro.Peter Müller: Mach’s dir leichter! Leib und Seele entrümpeln. Ein Fastenführer, Kösel Verlag, 2007, 14.95 Euro.Katharina Schridde: Leben in Fülle. Ein Übungsweg durch die Fastenzeit, Gütersloher Verlagshaus, 2007, 9.95 Euro.Michael Reepen (Hg.): Erwacht zu neuem Leben. Ein österliches Lesebuch aus dem Kloster. Lesejahr C, Vier-Türme-Verlag, 2007, 14.90 Euro.

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 2/2007


Eingestellt: 22.02.07