Hunderte Kerzenflammen tanzen im Halbdunkeln der Kirche. Vorne am Altar hat sich eine Schlange gebildet. Zu sanften Gitarrenklängen warten Geduldige darauf, dass einer der drei Segensstühle frei wird. Dann dürfen sie Platz nehmen, ihren Vornamen und ihr Anliegen nennen - und einen persönlichen Segen empfangen. Der oder die Segnende zeichnet ihnen mit einem wohl riechenden Öl ein Kreuz in die Handflächen, spricht sie mit Namen an und sagt Worte, die so gut tun, dass sie manch einem Tränen in die Augen treiben. Das Segensritual ist ein fester Bestandteil der Thomasmesse, die jeden ersten Sonntag im Monat in Sankt Lukas, dem "Dom der Münchner Protestanten", gefeiert wird. Thomasmesse? Dieser besondere Gottesdienst wurde vor zwanzig Jahren im protestantischen Finnland geboren. Auf Initiative zweier Pastoren haben sich damals in der Großstadt Helsinki ChristInnen unterschiedlicher Konfessionen und Frömmigkeitsstile auf die Suche nach einem geistlichen Zuhause gemacht. Taizé-Anhänger, Charismatiker, Evangelikale, politisch Engagierte, Männer und Frauen, Geistliche und Laien waren dabei, ein bunt gewürfelter Haufen. Sie alle verband eine spirituelle Sehnsucht, die bislang kein Gottesdienst stillen konnte. Das Ergebnis der gemeinsamen Suche war schließlich die Thomasmesse, benannt nach dem Jünger Thomas, der zunächst nicht an die Auferstehung glauben konnte, der den Auferstandenen berühren wollte, um glauben zu können (Johannes 20, 24-29). Sonntag für Sonntag füllt nun dieser eigenwillige Gottesdienst die größte Kirche von Helsinki. Das konnte in Deutschland nicht unbemerkt bleiben. Bereits zu Anfang der 90er Jahre machte sich eine Gruppe Interessierter Richtung Norden auf. Unter ihnen der Münchner evangelische Pfarrer Tilmann Haberer, der so bewegt zurückkam, dass er nicht nur eine Thomasmesse in München auf die Beine stellte, sondern auch ein Buch zum Thema schrieb. Es beginnt mit den Worten: "Stell dir vor, es ist Gottesdienst, und alle gehen hin! Stell dir vor: eine riesige Kirche mit 1.000 Sitzplätzen - voll. Und das nicht nur einmal im Jahr, nein: jeden Sonntag. Ein schöner Wunschtraum? Nein, Wirklichkeit." Die Thomasmesse, so wie sie in Helsinki angedacht wurde, soll weltliche Stadt-Menschen ansprechen, die zwar spirituell interessiert, aber keine überzeugten Christen sind, erklärt Pfarrer Haberer: "Sie ist ein Angebot für Menschen, die den Glauben kennen lernen und feiern wollen, jedoch mit den traditionellen kirchlichen Formen nichts anfangen können."
"Ich spürte: Hier gehöre ich hin"
An etwa 60 Orten in Deutschland wird inzwischen die Thomasmesse regelmäßig gefeiert - von Schleswig über Kassel bis hin zu München und Konstanz. In München kommen zwar nicht tausende, aber immerhin hunderte Menschen einmal im Monat zusammen, gut ein Drittel von ihnen sind Katholiken. Wie Melanie Schultheiß, Landwirtin aus dem oberbayerischen Neuching. Als die 51-Jährige vor 13 Jahren zum ersten Mal an einer Thomasmesse teilnahm, da habe sie "Rotz und Wasser geheult", wie sie sagt. "Es ging mir wie vielen Leuten, die dabei bleiben", erzählt sie weiter, "obwohl ich noch fremd und neu war, spürte ich: Da gehöre ich hin. Hier sind Menschen, die mir seelisch verwandt sind. Hier bin ich unter Geschwistern." Denn in der Thomasmesse, die den provokanten Untertitel trägt "ein Gottesdienst für Ungläubige, Zweifler und andere gute Christen", werden Glaubenszweifel nicht verschämt weggesteckt, sie gehören als Wesenselement dazu. So weiß Melanie Schultheiß, dass irgendwann im Verlauf der Liturgie der "Einwand der Gläubigen" zur Sprache kommt. Etwa als Antwort auf die Behauptung "Gott liebt dich": "Das ist mir aber eine schöne Liebe, wenn er mir mein Kind weggenommen hat." Oder: "Diese Liebe kann ich nicht spüren." Bewusst werden auch weibliche Formeln für Gott verwendet wie "heilige Geistin", oder "Gott, Du Vater und Mutter". Das alles, so Melanie Schultheiß, drücke die Tatsache aus, "dass wir nicht wissen, wie Gott ist. Und dieses Nichtwissen können wir nicht weglächeln, wir können es auch nicht zudecken mit Postulaten, über die wir uns einig sind."In einer katholischen Messe fühlt sich Melanie Schultheiß nicht immer dort abgeholt, wo sie innerlich steht. Mit einem Glauben, der nicht hinterfragt, kann sie wenig anfangen. Trotzdem besucht sie jeden Sonntag den Dorfgottesdienst, der ihr auch eine gesellschaftliche Heimat ist, und nimmt den einen oder anderen Glaubensimpuls dankbar mit.
Wasser, das die Seele rein wäscht
In der Thomasmesse hingegen findet sie eine geistliche Heimat, die ihr einen Zugang zu der mystischen Ebene jenseits aller Konfessionen ermöglicht: "Hier kann ich empfinden, dass eine wirkende Kraft mit mir ist, eine, von der wir uns kein Bild machen dürfen." Einen Raum für eine solche Erfahrung bietet die so genannte "offene Phase", jene 20 Minuten nach der Predigt, in denen TeilnehmerInnen aus unterschiedlichen Angeboten auswählen dürfen. Das Segensritual gehört dazu; auch das Handwaschritual, eine Form von Beichte, bei der Wasser über die Hände gegossen wird, nach dem Schuldbekenntnis und der Freisprechung. Wer mag, ist zu einem Gespräch mit dem Prediger oder der Predigerin eingeladen. Zettel liegen bereit, um Gebete aufzuschreiben. Und wem das alles zu viel ist, kann einfach nur eine Kerze anzünden oder in der Bank sitzen bleiben und still beten.
Jeder kann Ideen und Kraft einbringen
Diese Vielseitigkeit fasziniert Gudrun Lehn, 43, die dem Gründungsteam der Münchner Thomasmesse angehörte, und auch heute, 14 Jahre später, immer noch in dem etwa 50-köpfigen Team mitwirkt, das diesen Gottesdienst gestaltet. Sich selbst sieht Gudrun Lehn nicht als eine Zweifelnde. Was sie an der Thomasmesse anspricht, sind "die Lebendigkeit und die Weite des Glaubens, die dort zum Ausdruck kommen". Als Musikerin hat die evangelische Christin angefangen, inzwischen ist sie als Prädikantin, Absolventin einer speziellen Ausbildung, beauftragt, die Liturgie zu leiten. Denn die Zusammenarbeit von Geistlichen und Laien, von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen auf gleicher Augenhöhe ist eines der Markenzeichen der Thomasmesse, wie auch Pfarrer Tilmann Haberer betont: "Alle, die mitarbeiten und ihre Ideen, ihre Kraft und ihre Liebe einbringen wollen, sollen dazu Gelegenheit erhalten", sagt er. So hat auch die Katholikin Melanie Schultheiß Kurse absolviert, die sie dazu befähigen, den Segen zu spenden oder das Handwaschritual, die Beichte, durchzuführen. Während in der katholischen Kirche die Beichte als eines der sieben Sakramente gilt und nur von einem Priester abgenommen werden darf, kennt die evangelische Kirche nur zwei Sakramente: die Taufe und die Eucharistie. Ob Sakrament oder nicht - in beiden Kirchen ist das persönliche Schuldbekenntnis unter vier Augen immer weniger gefragt; ja, es scheint auszusterben. Nicht jedoch in der Thomasmesse: Dort wird das Handwaschritual gerne und oft in Anspruch genommen. Wie auf dem Segensstuhl fließen auch über dem Handwaschbecken reichlich Tränen, weiß Melanie Schultheiß zu berichten. Mehr sagt sie nicht. Denn wie alle, die für diesen Dienst ausgewählt wurden, ist sie zum Schweigen verpflichtet. Bei der Auswahl der geeigneten Mitarbeiter stehe nicht etwa das theologische Wissen im Vordergrund, sondern Lebenserfahrung: "Es werden Menschen ausgesucht, die durch die Universität des Lebens gegangen sind, solche, die sich selbst kennen gelernt haben, die aber auch Trost erfahren durften", sagt Schultheiß. Denn: "Niemand kann trösten, der nicht selbst getröstet wurde." Genauso kann auch niemand einen Zweifelnden verstehen, der nicht selbst gezweifelt hat.
"Ökumene der Zweifler"
Pfarrer Haberer berichtet, dass bei der Ankommrunde des Thomas-Teams hin und wieder gefragt wird: "Wo steht mein Thomas, meine Thomasine heute?" Ein solcher Austausch über die Zweifel, über die Schwächen schaffe Gemeinschaft, gerade unter den Konfessionen. So spricht Haberer von der "Ökumene der Zweifler". Seine Erfahrung zeige, dass "die Suchenden aus den unterschiedlichen Kirchen einander ähnlicher sind als die Suchenden und die allzu Gewissen, die einer Kirche angehören". Die Vielfalt wird in der Thomasmesse von einer festen Struktur aufgefangen. Die einzelnen Angebote können wechseln, der Ablauf bleibt immer gleich: Vom Einzug der an weißen Schals erkennbaren MitarbeiterInnen mit Kreuz-Ikone und Kerzen bis hin zur Eucharistiefeier, die ein unverzichtbarer Bestandteil dieses Gottesdienstes ist. Wie zentral die Rolle der Laien ist, zeigt sich auch bei der Wandlung: Die Einsetzungsworte singt die ganze Gemeinde mit. Zum gemeinsamen Abendmahl lädt Pfarrer Haberer alle Anwesenden ausdrücklich ein. Im schmerzhaften Wissen um die Trennung der Christen sagt er etwa: "Dieser Tisch, an den wir einladen, gehört nicht der Kirche, er gehört Jesus. Jesus war weder evangelisch noch katholisch: er war Jude! Jesus hat keine Grenzen aufgerichtet, er hat Grenzen übertreten, wo sie der Menschlichkeit im Weg stehen. Deshalb laden wir ein: alle, die den Ruf gehört haben, alle, die Sehnsucht haben, alle, die auch nur Sehnsucht nach der Sehnsucht haben, ohne Rücksicht auf Konfessions- oder Kirchenzugehörigkeit. Kommt, es ist alles bereit." In Haberers Augen sei es "ein unerträglicher Skandal, dass es Menschen wagen, andere Menschen von der Gemeinschaft am Tisch Jesu Christi auszuschließen". Deswegen lade er "laut und deutlich" ein, über die Konfessionsgrenzen hinweg. Für ihn gehe es dabei um den Gehorsam gegenüber Jesus, der wollte, dass alle eins seien. Hunderte Kerzenflammen tanzen im Halbdunkeln der Kirche. Vorne am Altar haben Menschen einen Kreis gebildet. Auch Melanie Schultheiß ist unter ihnen. Ein Korb mit Brotstücken wandert von Hand zu Hand, ein Kelch folgt ihm. Taizé-Gesänge erklingen. Mit der Feier des Abendmahls nähert sich die Thomasmesse, die in München zwei Stunden dauert, ihrem Ende. Sie ist eine Gottesdienstform, die damit Ernst macht, menschliche und geistliche Vielfalt in der Kirche zusammenzubringen und zu versöhnen.
Maria Sileny
Info:
Tilmann Haberer: "Die ThomasMesse. Ein Gottesdienst für Ungläubige, Zweifler und andere gute Christen." Claudius-Verlag, 2002, 15.20 Euro.Hauptportal der Thomasmessen in Deutschland: www.thomasmesse.org
KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 1/2008