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Menschen sprechen von Gott in Bildern. An Pfingsten rücken der Heilige Geist und die Vorstellung von ihm als "Atem Gottes" in den Mittelpunkt. Wie kann der Atem als Weg zu Gott erfahren werden?
Ihr Weg zur Aufmerksamkeit für den eigenen Atem hat das Leben von Theresa Michel von Grund auf verändert, doch auch heute, mit 60 Jahren, ist die Atemtherapeutin gespannt darauf, wohin sie dieser Weg noch führen wird. Als die Regensburgerin vor gut zwanzig Jahren in einem Kurs der Volkshochschule zur Atemtherapie kam, war sie in einer tiefen Lebenskrise. Ihre Ehe war gescheitert, und sie musste alleine zwei Kinder großziehen. Sie traf auf die erfahrene Atemtherapeutin Johanna Maly. "In ihren Abendkursen bin ich zunächst immer eingeschlafen. Doch Johanna Maly ließ das zu, denn sie erkannte meine tiefe Erschöpfung." Erst in einem Wochenkurs wurde Theresa Michel hellwach, denn da drangen Sätze zu ihr durch wie: "Lass dich tragen vom Boden" oder "Wo das Fließen ist, ist Leichtigkeit". Sie bekam eine Ahnung davon, wie es ist, den eigenen Atem zu spüren und sich dadurch plötzlich nicht mehr allein zu fühlen. Sie glaubte zu spüren, dass sich hinter den Worten der Therapeutin Großes und Verheißungsvolles verbarg. Der Atem wurde ihr zum Wegbegleiter. "Da war inwendig eine Sehnsucht da, da bin ich nicht ausgekommen." Sie wollte dieser Sehnsucht nachgehen. Da Johanna Maly nicht ausbildete, pendelte Theresa Michel über gut drei Jahre abends nach München zu den Kursen. Sie arbeitete damals als Chefsekretärin in einem großen Betrieb, aber für die Kosten der Ausbildung musste sie zusätzlich Geld verdienen und verkaufte Tupperware. "Ich wusste ja, warum!" Sie hatte erfahren, wie der Atem alle Ebenen des Menschen erfasst und in Bewegung bringt.
Atem versorgt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele
Ein Blick auf die medizinischen Zusammenhänge bestätigt, die Bedeutung des Atems kann wohl gar nicht hoch genug eingestuft werden. Wer leben will, muss atmen können. Wer keine Luft bekommt, stirbt bereits nach wenigen Minuten. Am Anfang und am Ende eigenständigen Lebens steht ein Atemzug. Dazwischen versorgen Millionen von Atemzügen den menschlichen Körper mit Sauerstoff und transportieren Kohlendioxid ab. Damit ist das Atmen der wichtigste Stoffwechselvorgang im menschlichen Körper. Und so ist es wichtig, dass der Atem ungehindert strömen kann.
Aber der Atem versorgt nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. "Er bewegt mein Unterbewusstsein", betont Theresa Michel. Das haben wissenschaftliche Experimente inzwischen erwiesen. Denn es kann durch einen bestimmten Atemrhythmus die dazugehörige seelische Stimmung künstlich erzeugt werden. Wer Angst hat, dessen Atem wird flach und schnell. Wer diesen Atem nachahmt, dem wird ängstlich zumute. Genauso kann durch ein freies Durchatmen eine gelassene Stimmung erzeugt werden.
Atmen wirkt also stark auf alle Bereiche des Menschen. Das machen sich AtemtherapeutInnen zunutze und erzielen Heilerfolge bei Menschen mit Atemwegserkrankungen, Bluthochdruck, Rückenleiden, Kopfschmerzen, Herzrasen, Schlafstörungen oder Verdauungsproblemen. Innere Unruhe, Ängste, Erschöpfungszustände, Stress, Konzentrationsstörungen oder persönliche Lebenskrisen können sie ebenfalls heilen oder doch lindern.
"Falsches Atmen gibt es nicht"
Dabei ist wichtig zu verstehen, dass es bei der Atemtherapie nie darum geht, zu lernen, wie man richtig atmet. Denn: "Falsches Atmen gibt es nicht", so Theresa Michel. "Wenn wir 'richtiges Atmen' lehren würden, dann wären wir wieder im Machen und unter Leistungsdruck. Der Weg führt aber über das Abgeben der Kontrolle." Bei der Arbeit mit Gruppen erteilt die Therapeutin Anweisungen, wie der Körper ganz sanft bewegt wird, und lenkt die Aufmerksamkeit auf verschiedene Körperteile. Fast überraschend für die Teilnehmer verändert sich dadurch der Atem. Denn sie betrachten dann den Atem nicht mehr als Eigenschaft von sich, sondern erleben sich in ihm und durch ihn. Bei Einzeltherapien liegt die Patientin angezogen auf einer Liege und die Therapeutin agiert durch Berührungen, sanftes Streichen und vorsichtige Bewegungen. "Die Patientin muss nur aufmerksam hinspüren, wo und wie ich sie berühre", erläutert Theresa Michel.
Jeder, der einen ersten Eindruck bekommen will, wie Atemtherapie wirkt, dem empfiehlt sie, bei einem Spaziergang im Wald stehen zu bleiben, die Augen zu schließen und festzustellen, ob man tatsächlich da ist - oder in Gedanken noch zu Hause oder im Büro bei Plänen für den nächsten Tag. Wer dann im Wald angekommen ist, sollte zu seinen Füßen hinspüren und erfühlen, wie der Boden trägt. Danach öffnen sich vielleicht die Sinne und nehmen wahr, wie es ringsherum duftet, zirpt oder weht. "Vielleicht kann jemand bereits wieder durchatmen, wenn er sich nur mit geschlossenen Augen an einen Baumstamm lehnt."
Atem als innigste Berührung mit Gott
Nach der Ausbildung gab Theresa Michel ihre feste Anstellung auf und machte sich als Atemtherapeutin selbstständig. Ein Wagnis, da Atemtherapie nur bei Privatpatienten von der Krankenkasse bezahlt wird. Doch für sie der einzig logische Schritt, denn über den beruflichen Weg hinaus ist der Atem für Theresa Michel ein Weg in die Stille. Allerdings verbindet sie ihn mit Meditation, eine Kombination, die sie bei Atemwochen im Kloster Niederalteich regelmäßig anbietet. "Ich komme damit zum göttlichen Grund, der ja in mir liegt. Denn ich denke, der Atem ist die innigste Berührung mit Gott."
Der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller empfiehlt in seinem Buch über den Heiligen Geist mit dem Titel "Atme in mir" ebenfalls den Weg in die Tiefe, zum göttlichen Grund. "Wenn ich meine Tiefe nicht als Abgrund, als Nichts, als das Ende, als Sackgasse sehe, sondern als eine Öffnung in die Unendlichkeit und Unermesslichkeit, bringt mich meine Reise nach innen in Berührung mit diesem Unermesslichen, bewirkt, dass ich mich angeschlossen fühle an das Unendliche." Allerdings betont Wunibald Müller auch, dass der Heilige Geist letzten Endes nicht zu begreifen sei und alles, was er von ihm sagt, ein Stammeln und unzulängliches Empfinden bleiben muss. Dennoch schildert der Theologe, wie er aus dem Kontakt mit der Unermesslichkeit Gottes lebt. Um diesen Kontakt zu spüren, betet und meditiert er, hält einfach nur inne oder betrachtet ein Kunstwerk. Ganz bewusst begibt er sich so in die Atmosphäre des Heiligen Geistes. "Je mehr ich mich dabei dem Unermesslichen überlasse, desto mehr überlasse ich mich der verwandelnden Kraft des Heiligen. So übernimmt sie zunehmend die Führung, formt mich nach ihrem Maß. Ihr Maß aber ist die Liebe." Durch die Liebe verwandelt sich für ihn Engherzigkeit in Weitherzigkeit, Hass in Zuneigung, Rachegelüste in Vergebung. "Ja, wenn ich mich restlos dem Unermesslichen überlasse, bin ich verloren, um mich verwandelt wiederzufinden."
In vielen Religionen ist der Atem von zentraler Bedeutung
Den Atem als Weg zum Göttlichen zu betrachten ist in vielen Religionen ausgeprägt. Yoga, von seiner Wortbedeutung ein Weg zur Gotteserkenntnis, arbeitet mit Atem- und Körperübungen. Im Buddhismus ist es von zentraler Bedeutung, achtsam zu sein, das heißt ganz in der Gegenwart, im Hier und Jetzt. Dazu gehört auch ein bewusstes Atmen.
In der christlichen Tradition verbindet sich die Gebetsform des sogenannten Jesusgebets mit dem Atemrhythmus. Der Atem, der von der Lunge in Wellen den ganzen Körper erfasst, nimmt auf seinem Weg den Satz mit: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner. Der Benediktiner Anselm Grün schildert, wie die frühen Mönche das Jesusgebet als Gebet der Reinigung verstanden. "Sie haben das Jesusgebet bewusst in alle Bereiche der eigenen Psyche hineingebetet. Wenn ich in meiner Wut, in meiner Enttäuschung, in meiner Bitterkeit, in mein inneres Chaos hineinspreche: 'Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner', dann läutert sich in mir etwas. Der Ärger verliert seine Macht über mich."
Wunibald Müller verbindet die Vorstellung von Gottes Geist in jedem Menschen mit dem Gedanken, dass Gott so weiterwirkt in seiner Schöpfung
"Gott atmet in jedem Augenblick unseres Seins. Der Heilige Geist durchwirkt jeden Moment unseres Seins. Gott haucht uns Leben ein, tanzt mit uns den kosmischen Tanz des Lebens beim Schlafen, bei der Arbeit, beim Beten, beim Schwimmen, beim Lachen und Weinen, bei der Erfahrung von Schmerz und Lust. So ist Gott im Heiligen Geist als der Unermessliche immer präsent, immer wirkend, immer schöpferisch."
Anne Granda
KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 5/2012