
Genau 165 Sekunden reichen, um alles zu verlieren. In einer lauen Sommernacht am 27. Februar vergangenen Jahres zerstört ein Mega-Erdbeben das Zuhause von zwei Millionen Chilenen. Was sie sich aufgebaut hatten, zerfällt in Schutt. In den frühen Morgenstunden bebt mit ohrenbetäubendem Getöse die Erde, hohe Flutwellen verwüsten 800 Kilometer Küste und die Stadt Concepción wird drei Meter nach Westen verschoben. Es ist das fünftstärkste Beben, das jemals auf der Erde gemessen wurde.
Um 3.34 Uhr schreckt Marcela Núñez aus dem Schlaf, ihr Bett wackelt heftig und eine Kommode rutscht im Schlafzimmer umher. Sofort weckt die alleinerziehende Mutter ihre vier Kinder. In Schlafanzügen rennen sie ins Freie. Aus dem eingestürzten Nachbarhaus hören sie eine Explosion. Die Gasleitung ist geborsten. Sofort stehen die Trümmer in Flammen. Die Kinder im Alter von fünf bis dreizehn Jahren sind verängstigt. Auf einem Rasen im nahegelegenen Park verbringen sie den Rest der warmen Vollmondnacht, eingehüllt in Decken.
In Concepción, 100 Kilometer nordöstlich des Epizentrums, und in der Hauptstadt Santiago de Chile sind die Schäden am schlimmsten: Die Hälfte der Krankenhäuser, Kirchen, Schulen, Straßen und Brücken sind zerstört. Auch sämtliche Kommunikationswege sind gekappt: So gibt es keine Möglichkeit, die Menschen vor der Monsterwelle zu warnen, die sich über dem Epizentrum im Meer bildet. Schon nach 20 Minuten erreicht sie die Küste, wo sie Menschen in den Tod reißt, 52 Fischersiedlungen, Touristenorte, Hafen- und Industrieanlagen werden zerstört. Über 500 Menschen verlieren bei dem Erdbeben und den Flutwellen ihr Leben. Jeder Zehnte der 17 Millionen Chilenen ist obdachlos und muss sich notdürftig in Zeltlagern einrichten.
Risse zwischen Arm und Reich
"Es wird noch Jahre dauern, bis sich Chile von diesem Erdbeben erholt hat", erklärt Cristina Alarcón, eine 34-jährige Psychologin, deren Eltern in Santiago de Chile leben. Sie selbst ist seit 2007 Doktorandin an der Humboldt-Universität in Berlin und informiert auf Weltgebetstags-Seminaren über ihr Land.
"Das Erdbeben hat die Risse in der Gesellschaft sichtbarer gemacht. Es hat vor allem die Armen getroffen, die in schlecht gebauten Wohnungen oder Stroh-Lehmhäuser leben", so Cristina Alarcón.
Die Einkommensunterschiede in Chile sind enorm. Das Land besteht aus vielen sozialen und kulturellen "Welten". "Jede Gesellschaftsschicht bleibt weitgehend unter sich und wohnt in eigenen Stadtteilen", erklärt Cristina Alarcón. Dennoch ist in den vergangenen zwanzig Jahren die Armut gesunken: So gelten heute 2,5 Millionen Menschen als arm, das sind 14 Prozent der Bevölkerung, im Vergleich zu ehemals 39 Prozent.
Ein Erdbeben anderer Art - die furchtbarsten Zeiten seiner Geschichte - erlebte Chile von 1973 bis 1989: Heereschef General Augusto Pinochet stürzt 1973 in einem Militärputsch die Regierung des Sozialisten Salvador Allende. Allende kommt dabei ums Leben. Pinochet errichtet eine grausame Diktatur mit Folter, Verfolgung und Morden. Hunderttausende Chilenen fliehen, werden ins Zwangsexil geschickt oder inhaftiert. 3.100 Menschen werden ermordet, 30.000 sind Opfer von Folter und etwa 2.500 "verschwinden" einfach.
Ein Ort des Schreckens: die "Colonia Dignidad"
"Verschwundene Gefangene" sind Menschen, die von den Sicherheitskräften in geheime Folterzentren entführt und ermordet wurden. Als einer dieser Orte des Schreckens gilt die Deutschen-Siedlung "Colonia Dignidad". Ihr Gründer, der deutsche Kinderschänder Paul Schäfer, lebte dort mit 300 Anhängern. Im vergangenen April starb er in einem Gefängniskrankenhaus, nachdem er zu insgesamt 33 Jahren Haft verurteilt worden war. Erst vor kurzem sind weitere 26 Mitglieder aus dem Führungskreis der Kolonie wegen Kindesmissbrauchs zu Gefängnisstrafen verurteilt worden.
Das Schicksal vieler "Verschwundener" blieb ungeklärt. Weder die Familie noch die Öffentlichkeit erfuhr etwas über deren Verbleib. Regierung, Presse und Militärs leugnen die Existenz der Gefangenen lange Zeit. Auch nach Ende der Diktatur wirkte das Klima von Angst und Misstrauen nach, politische Diskussionen wurden lange vermieden. Die Vergangenheit blieb jahrelang ein Tabuthema. Erst 1999 kam es zum Umbruch, als Pinochet in London verhaftet wurde. Seither werden die Menschenrechtsverletzungen als "Verbrechen gegen die Menschheit" eingestuft. Seit 2004 gab es mehr als 400 Verfahren gegen ehemalige Mitglieder der Streitkräfte und der Polizei. 46 Verantwortliche wurden zu Haftstrafen verurteilt.
Cristina Alarcóns Vater, ein Journalist und Unterstützer Allendes, wurde unter Pinochet aus politischen Gründen verhaftet und verbrachte mehr als ein Jahr im Gefängnis. Eine ihrer Tanten zählt zu den "verschwundenen" Gefangenen.
Neuanfang in der Fremde
Ein Jahr nach der Freilassung des Vaters, Cristina ist gerade drei Monate alt, verlässt die Familie 1976 das Land in Richtung Deutschland. "Eine katholische Organisation vermittelte uns an einen Pfarrer in Bochum, Heinz Dressel, der uns half, ein neues Leben aufzubauen. Wir lebten in einem ökumenischen Studienwerk", erinnert sich Cristina, die die ersten vierzehn Jahre ihres Lebens in Deutschland verbrachte. Nachdem Pinochet bei einer Volksabstimmung abgewählt wurde, kehrt die Familie 1990 in die Heimat zurück.
Cristina entscheidet sich später für eine Rückkehr nach Deutschland, "weil ich Sehnsucht nach der Sprache hatte, Sehnsucht nach dem Land, in dem ich eine schöne, unbeschwerte Kindheit verbracht habe". Ihr älterer Bruder, ein Journalist, und ihre Eltern sind in Chile geblieben. "Als ich in Chile die Schule besuchte, gingen die Geschichtsbücher nur bis 1970. Die blutigen Jahre der Militärdiktatur haben in der chilenischen Gesellschaft bis heute offene Wunden hinterlassen", erklärt Cristina. Dennoch erinnern sich viele auch an die Solidarität, die während der Diktatur innerhalb der Bevölkerung aufkam: Von den "ollas comunes" (Suppenküchen und soziale Treffpunkte) in den Elendsvierteln bis zu den mutigen Frauen der "Vereinigung für verschwundene politische Gefangene", die die ersten öffentlichen Proteste gegen das Pinochet-Regime organisierten.
Fast ein Drittel der Frauen zieht die Kinder alleine groß
Auch nach dem schweren Erdbeben vor einem Jahr zeigten sich die Chilenen solidarisch: Weil die staatlichen Hilfen schleppend anliefen, fuhren viele private Konvois in die zerstörten Gebiete und brachten den obdachlosen Bewohnern Lebensmittel, Decken, Geschirr und Medikamente. Und ganz Chile sorgte sich um die 33 verschütteten Bergarbeiter, deren Schicksal die Welt monatelang in Atem hielt. Groß war die Erleichterung über deren glückliche Rettung im vergangenen Oktober. Den tapferen Ehefrauen, die ihre Kinder trösteten und vor der Mine wochenlang um ihre Männer gebangt hatten, galt die Bewunderung des ganzen Landes.
"Nicht nur beim Bergarbeiter-Drama, auch im Alltag ist Chile zweifellos das Land der starken Frauen", sagt Cristina Alarcón. Nahezu ein Drittel der Frauen sind alleinerziehend oder sorgen allein für den Lebensunterhalt ihrer Familien, so wie das Erdbebenopfer Marcela Núñez, die als Verkäuferin mit ihren Kindern von umgerechnet 300 Euro im Monat lebt. Die 40-Jährige trennte sich vor drei Jahren von ihrem Mann, weil er immer wieder gewalttätig wurde. Inzwischen ist sie geschieden, was in Chile erst seit 2004 möglich ist. "Mein Mann ist Alkoholiker, hat keine Arbeit und unterstützt uns somit auch nicht finanziell."
Extreme körperliche Gewalt gegen Frauen ist sehr verbreitet. Allein 2009 wurden 55 Frauen von einem Partner oder Verwandten umgebracht. Inzwischen gibt es regionale Netzwerke und Frauenhäuser, die Gewaltopfern Hilfe anbieten. Auch das Weltgebetstags-Komitee unterstützt chilenische Frauen-Projekte. Und die Frauen wehren sich mit Demonstrationen: Am 25. November, dem "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen", gehen sie in den Städten auf die Straße und protestieren gegen Benachteiligungen in der Arbeitswelt, vor allem aber gegen Mord, Totschlag und Vergewaltigung.
Die Ausbildung der Kinder ist teuer
Berufstätige Frauen müssen lange Arbeitszeiten und zum Beispiel als Saisonkräfte bei der Obsternte teils miserable Arbeitsbedingungen verkraften. Ihr Verdienst liegt bis zu 50 Prozent unter dem der Männer. Der Mindestlohn beträgt umgerechnet rund 215 Euro. Eine vierköpfige Familie benötigt jedoch mindestens zwei- bis dreimal soviel Geld.
In führenden Positionen sind Frauen noch seltener vertreten als in Deutschland. "Doch Bildung ist in Chile sehr wichtig, und viele Eltern geben ihr letztes Hemd für die Ausbildung der Kinder", erklärt Cristina. Nur wer Geld hat, kann sich die guten privaten Schulen und Universitäten leisten. Zu der am stärksten benachteiligten Gruppe, die selten Zugang zu höherer Bildung hat, gehören die Ureinwohner Chiles, wie die Mapuche im Süden, die Aymará im Norden oder die Rapanui von der zu Chile gehörenden Osterinsel.
"Die Mapuche leiden besonders unter Diskriminierungen", erläutert Cristina. Für diese Volksgruppe wird als Einzige das Antiterrorgesetz aus der Pinochet-Diktatur eingesetzt: Jede Form von friedlichem Protest - Demonstrationen, Versammlungen, Hungerstreiks, Landbesetzungen - kann vom Staat als "Terrorismus" angesehen werden. So kann der Protest kriminalisiert werden und das Militär mit Verhaftungen zum Einsatz kommen. Das Terrorgesetz erlaubt eine zweijährige Untersuchungshaft und verbietet den Anwälten in den ersten sechs Monaten die Akteneinsicht. Im Juli vergangenen Jahres waren 58 Mapuche wegen Terrorverdachts in Haft.
Boden und Wasser leiden unter Pestiziden
Die Mapuche wehren sich gegen die Abholzung der Wälder und die Aufforstung mit Monokulturen aus Kiefern und Eukalyptusbäumen in ihren traditionellen Siedlungsgebieten. Sie kämpfen gegen die Überflutung ganzer Regionen durch den Bau von Staudämmen und Wasserkraftwerken und protestieren gegen die Enteignung ihrer Ländereien seitens der Forstfirmen und Energiekonzerne.
Chile ist das Wirtschaftswunderland Lateinamerikas, aber die Zerstörung der Natur hat ihren Preis, bedauert Cristina: "Die ökologischen Kosten sind die Vergiftung von Wasser und Boden durch künstliche Dünger und Pestizide." Ihr Zukunftswunsch für ihr Heimatland: Die Natur und alle Menschen mögen geachtet und gleichberechtigt behandelt werden, "und zukünftig soll jedes Kind, das in Chile geboren wird, die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben - für seine maximale, individuelle Entfaltung und Entwicklung".
Karin Schott
KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 2/2011