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Knochenjob Pflege:Spendenaktion des KDFB

Die lachen ja alle und reden so viel." Das war ihr erster erstaunter Gedanke, als Angelika Gahr in der Fachklinik Maria am Meer auf Norderney ankam. Worte hatte sie da keine mehr, zu müde war ihr Mund geworden, zu erschöpft ihre Seele. Das Lachen hatte sie im Alltag verlernt. Ihr einziger Wunsch war der nach langem, ungestörtem Schlaf. "Ich bin direkt vom Kinderwagenschieben auf das Rollstuhlschieben übergegangen", sagt sie. Angelika Gahr aus dem fränkischen Mainbernheim erfährt, dass sie zum zweiten Mal schwanger ist, als ihr Mann 1982 seinen ersten schweren Multiple-Sklerose-Schub durchlebt. Drei Jahre später - er kann sich in Folge der Krankheit nicht mehr konzentrieren, leidet unter Schwindel - verliert er seine Arbeitsstelle. "Das war ein problematisches Jahr. Unser Haus war noch nicht abbezahlt, das war für ihn ganz schwierig." Sie reißt sich am Riemen, pflegt ihren Mann und versorgt die beiden Söhne, behält ihre Teilzeitstelle als Bankkauffrau immer bei - und so kommen sie über die Runden. 

 

Ausfallen unmöglich 

 

Dass es sie ist, die auf der Strecke bleibt über die Jahre, hat sie anfangs gar nicht gemerkt. Zu voll ist der Alltag mit Beruf, Kindern und krankem Ehemann. Multiple Sklerose (MS) zerstört seine Nervenfasern allmählich. Er kann sich immer schlechter bewegen, bis er schließlich ganz auf den Rollstuhl angewiesen ist, gefüttert und umgehoben werden muss.

Sie fährt ihren Mann zur Krankengymnastik, sie besorgt Medikamente, sie spricht mit Ärzten, sie plant Krankenhausaufenthalte, sie leitet gemeinsam mit ihrem Mann eine Selbsthilfegruppe für MS-Betroffene. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Nachts steht sie zweimal auf, um ihrem Mann zur Toilette zu helfen oder dafür zu sorgen, dass er trocken liegt, und ihn umzudrehen. Sie schläft unruhig, ständig auf dem Sprung zu helfen, weil er auch unter epileptischen Anfällen leidet. Um 5.45 Uhr klingelt trotzdem der Wecker. "Ich habe gekämpft wie eine Löwin", sagt sie. Um das Pensum zu schaffen. Um die Familie zusammenzuhalten. Doch irgendwann kommt der Tag, da ist die Löwin unendlich müde. "Ich habe angefangen meinen Mann anzuschreien, weil ich nicht mehr konnte." 

 

Die Krankheit fesselt auch die Pflegende ans Haus 

 

Das Paar sucht Hilfe bei Eheberatung und MS-Beratung. Doch ein Entrinnen aus der zermürbenden Pflegemühle und sozialer Isolation ist das noch nicht. Denn die Krankheit fesselt auch sie ans Haus. "Ich bin nach der Arbeit immer so­fort nach Hause geeilt, ich wollte meinen Mann nicht alleine lassen. Ich habe mir nicht mehr die Zeit genommen, etwas zu Fuß zu erledigen, habe immer das Auto genommen, damit es schneller geht. Zum Einkaufen habe ich ihn, so lange es ging, mitgenommen. Nur wenn ich arbeiten ging, bin ich alleine weggegangen. In dieser Zeit hatten wir Hilfe für meinen Mann. Doch auch da musste ich immer mit einem Anruf rechnen, dass ich zu Hause gebraucht werde." Der Zustand ihres Mannes verschlechtert sich über die Jahre immer weiter. Je schlechter es ihm geht, umso mehr übernimmt sie. Sie sagt auch nicht Nein, als ihre demente Mutter zu versorgen ist. Gemeinsam mit einer polnischen Hilfskraft organisiert sie auch deren Pflege für fünf Jahre. Noch mehr Organisation, noch mehr Verantwortung.

Über zwanzig Jahre hat sie auf die Zähne gebissen. Dann hören genau diese nicht mehr auf zu schmerzen, ohne ersichtlichen Grund. Der Zahnarzt ist es schließlich, der ihr sagt: "Ich kann Sie jetzt noch hier und dort behandeln. Tatsache ist aber, Sie sind einfach am Ende mit ihren Nerven. Ich lasse Sie nicht eher weg, bis sie bereit sind, etwas für sich zu tun." 

 

"Ich tue meinen Angehörigen mehr an, wenn ich nicht auf Kur gehe."

 

Heute sagt die mittlerweile 58-Jährige: "Ich war 24 Stunden auf Stand-by." Als sie sich um eine Kur bemühen will, droht ihr Mann: "Bevor ich in Kurzzeitpflege gehe, erschieße ich mich." Der Arzt bringt ihn schließlich so weit einzulenken. Heute weiß Angelika Gahr: "Ich tue meinen Angehörigen viel mehr an, wenn ich nicht auf Kur gehe."

Der Weg zu einer Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahme ist oft kein leichter, erläutert Margot Jäger, Geschäftsführerin der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Müttergenesung: "Schwierig ist der Schritt, sich klarzumachen: 'Ich bin gesundheitlich an meinen Grenzen.' Sich diesen Freiraum zu nehmen und zu organisieren und dafür in der Familie auch Akzeptanz zu finden. Es gibt durchaus Möglichkeiten, die Pflege des Angehörigen für diese Zeit zu organisieren, denn der gesetzliche Anspruch auf Kurzzeitpflege oder Verhinderungspflege ist verankert." 

 

Viele Hürden auf dem Weg zur Regeneration

 

Doch eine zweite Hürde auf dem Weg zur Erholung ist für viele Frauen nicht zu nehmen. Ihr Kurantrag wird - auch nach Widerspruch - nicht genehmigt, und aus eigener Kraft können sie den Klinikaufenthalt nicht finanzieren. "Ein Reha-Angebot für Pflegende gibt es schon länger, aber der Zugang wird seit einigen Jahren immer schwieriger", so Margot Jäger. "Die Fürsorgeaufgabe in der Pflege bringt keinen Anspruch auf eine Müttergenesungsmaßnahme mit sich. Einen Rechtsanspruch auf die dringend nötige Auszeit gibt es nicht. Es ist dem Ermessensspielraum der Sozialversicherungsträger überlassen, ob eine solche Maßnahme bewilligt wird. Unsere politische Forderung ist es, diesen Anspruch einzuführen. Da­für setzen wir uns ein, werden aber möglicherweise noch einen langen Atem brauchen. Aber in der aktuellen Not vieler, denen durch eine Ablehnung ihre dringend notwendige Präventions- und Rehabilitationsmaßnahme verwehrt wird, wollen wir mit einem Fonds helfen. Denn diese Frauen brauchen eine schnelle Hilfe. Für den Fonds sind wir auf Spendengelder angewiesen, die bereit stehen sollen, um pflegenden Frauen zu ermöglichen, selbst wieder gesund zu werden und Kräfte zu sammeln, um weiter pflegen zu können."

 

Sich wieder spüren lernen

 

Zeit zu schlafen, Zeit für den eigenen Körper, Zeit, um das Leben an sich heranzulassen. "Pflegende Angehörige brauchen vor allem Zeit. Um sich wieder zu spüren, um ihre Bedürfnisse wieder wahrzunehmen", erklärt Silvia Selinger-Hugen, Leiterin der Fachklinik Maria am Meer auf der Nordsee-Insel Norderney. "Die meisten se­hen vor lauter Erschöpfung keine Möglichkeiten, sich im Alltag zu entlasten. Eine Auszeit kann da Bewegung reinbringen, um gemeinsam nach besseren Lösungen zu suchen. Man sieht die Dinge mit anderen Augen." 30 Prozent der Patientinnen pro Jahr sind pflegende Angehörige. Sie sind eine ge­mischte Gruppe: Mütter, die teilweise schon erwachsene Kinder mit Behinderung pflegen, sind ebenso darunter wie Ehefrauen, die ihren Partner oder ältere Frauen, die ihre demente Schwester pflegen. "Gemeinsam ist ihnen, dass sie sehr kaputt bei uns ankommen", unterstreicht Silvia Selinger-Hugen.

Für diese Zielgruppe gibt es unter den Häusern der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Müttergenesung zwei spezielle Einrichtungen: die Fachklinik auf Norderney und die von katholischen Ordensfrauen geführte Fachklinik St. Marien in Wertach. 

 

Geist und Körper wieder in Bewegung bringen

 

Atem und Bewegung, Progressive Muskelentspannung, Massagen, Bäder, seelsorgerische Impulse und Begleitung, Beckenbodengymnastik, Rückenschule. Wer dem Körper etwas Gutes tut, entspannt sich und kommt wieder in Bewegung - auch gedanklich. Der eigene Arztbesuch, sich selbst angemessen gesundheitlich versorgen zu lassen, kommt im Pflegealltag regelmäßig zu kurz. Zu schwierig ist es, sich den Freiraum zu schaffen. Auch dafür bietet die Kur den Rahmen. Meist ist es der Rücken, der streikt, zu schwer sind die Lasten beim Umbetten und anderen pflegerischen Aufgaben.

Die kostbarsten Mo­mente für Angelika Gahr waren die Einzelgespräche mit einer Therapeutin. "Danach bin ich raus ans Meer und habe erst mal alles sacken lassen", sagt sie. "Die Frauen profitieren sehr, wenn man ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt", ist sich Klinikleiterin und Sozialpädagogin Silvia Selinger-Hugen sicher. Schwester Hildegard Braun, selbst Psychotherapeutin, weiß, wie sehr es die Pflegenden schätzen, dass auch die Ordensfrauen in der Wertacher Klinik nicht nur nach Therapieplan, sondern rund um die Uhr ein offenes Ohr haben, wenn es Patientinnen schlecht geht. 

 

Starke Frauen

 

"Zu Hause haben pflegende Frauen oft keine Möglichkeit auszugehen, deshalb suchen sie sehr den Kontakt zu anderen Frauen", erklärt Klinikleiterin Sr. Hildegard Braun. Das entlastet. In der Klinik merken sie, dass sich nicht nur ihr Leben im Laufrad abzuspielen scheint. Treffen Frauen wie Ruth, die sechseinhalb Jahre den Schwiegervater und die eigene Oma pflegte, neben der Sorge um ihre eigene Familie mit drei halbwüchsigen Kindern. Ruth, die erfahren musste, dass ihre Verwandtschaft zwar viele Ratschläge parat hatte, aber nicht einspringen wollte, um sie mal zu entlasten. Oder Frauen wie Petra, die ihre 30-jährige behinderte Tochter betreut, wann immer diese nicht in der Werkstätte ist. Petra, die gelernt hat, dass es Zeit ist, etwas für sich zu tun, weil sie es nicht mehr ertragen kann, dass ihre Tochter sie umarmen will und Berührung sucht. Begegnen Frauen wie Bärbel, die im vierten Widerspruch mit ihrer Krankenkasse steht, weil diese ihr mit der Begründung, ihr könne nicht mehr geholfen werden, keine Rehabilitation genehmigt, und die sich diese nun vom Pflegegeld abgespart hat. Treffen Frauen, die ein starkes Rückgrat zeigen und dieser Gesellschaft durch ihr Anpacken kräftig unter die Arme greifen. Frauen, ohne deren Einsatz die Pflegekosten in Deutschland in utopische Höhen schnellen würden. Die von dieser Gesellschaft aber trotzdem oft im Stich gelassen werden. "Ich habe es sehr genossen, dass in der Klinik ausschließlich Frauen waren", sagt Angelika Gahr. "Wenn man mit Frauen am Meer entlang läuft, kommen gute Gespräche dabei heraus. Es ist ähnlich wie in einer Selbsthilfegruppe. Man wird aufgefangen." 

 

Ein Ort zum Neuorientierung

 

Angelika Gahr lernt auf Norderney wieder lachen und sich Zeit für sich selbst zu nehmen. "Ich habe danach versucht, mich einmal die Woche mit Freunden zu treffen. Ich habe gelernt zu sagen, ich möchte jetzt mal etwas alleine erleben. Ich habe angefangen, auch mal wieder zu Fuß zu gehen und mich mehr zu bewegen." Die Erkenntnis, "wenn ich selbstständig bin, gebe ich meinem Mann auch eine gewisse Selbstständigkeit zurück", hat ihr dabei geholfen. Nach drei Wochen Kur hatte sie das Gefühl, für den Alltag wieder gewappnet zu sein. Ich konnte mit meinem Mann wieder reden. Ich konnte wieder sagen: 'Ich bin froh, dass ich dich habe.'" 

Als ihr Mann 2008 stirbt, fällt sie nach fast dreißig Jahren Pflege in ein tiefes Loch. "Man weiß seine Zeit zunächst mal gar nicht mehr zu nutzen." Doch mit ihrer Trauer im Gepäck setzt sie sich in den Zug und fährt an den Ort, an dem sie auch diesmal Zeit für sich und ein offenes Ohr finden wird, um sich neu zu orientieren: auf ihre Insel.

 

Claudia Klement-Rückel

KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 10/2010

 

Info:

- Hotline der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Müttergenesung: 0180/1400140, www.kag-muettergenesung.de

- Die Fachklinik St. Marien in Wertach ist eine Einrichtung der St. Franziskusschwestern von Vierzehnheiligen und liegt landschaftlich reizvoll im Allgäu. Tel. 08365/7000, www.haus-st-marien.de

- Die Fachklinik Maria am Meer liegt nur wenige Schritte vom Nordsee-Strand entfernt auf der Nordseeinsel Norderney. Tel. 04932/633, www.maria-am-meer.de

 


Eingestellt: 5.10.10

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