Es ist Mut nötig, viel Mut, um sich auf den Weg zu machen. Denn jeder weiß, auf einem Pilgerweg passiert etwas. Und jeder hat Angst, innere Veränderungen bewusst anzugehen." Renate Veitl-Müller aus Deggendorf kennt die Nöte der Pilger und Pilgerinnen. Aber sie weiß auch, wie gut es tun kann, sich auf den Weg zu machen. Renate Veitl-Müller ist ausgebildete Pilgerwegsbegleiterin und nimmt zusammen mit ihrer Freundin Beatrix Götzer mindestens einmal im Monat Menschen mit auf die so genannte Via Nova. Dieser Weg, der im Juli 2005 eröffnet wurde, führt vom niederbayerischen Metten auf einer Wegstrecke von 280 Kilometern bis nach St. Wolfgang in Oberösterreich. Die Via Nova schlängelt sich in zwei Hauptsträngen und einigen Nebenwegen vorbei an Wallfahrtskirchen und Wegkreuzen, Orten der Kraft und der Ruhe, der Schönheit und der Geschichte. Die Landvolkshochschule Niederalteich ist auf bayerischer Seite der Träger dieses "Europäischen Pilgerweges". Dort werden auch die Pilgerwegsbegleiterinnen ausgebildet. Zusammen erwarben die beiden Freundinnen, von Beruf Verwaltungsangestellte und Pharmazeutisch Technische Assistentin, das Wissen für eine spirituelle Pilgerbegleitung. Mit 18 Personen im Alter zwischen 25 und 63 Jahren machten sie Kurse für Theorie und Praxis. Dazu trafen sie sich an vier Wochenenden und zu einer viertägigen Pilgerwanderung auf der Via Nova. Für beide war es wichtig, Kenntnisse über Gruppenführung, Begleitung und Reflexion zu erhalten. Noch wichtiger: Der Kurs ermöglichte es ihnen, sich selbst besser kennen zu lernen. Denn schnell wurde klar, jeder Pilgerwegsbegleiter muss seinen Fähigkeiten entsprechend einen Schwerpunkt setzen. Wenn einer besonders gerne zur Betrachtung der Natur führt, versteht die Andere vielleicht viel von den Kulturgütern am Wegesrand. Die zwei Freundinnen entdeckten, dass ihnen das Wichtigste die Konzentration auf das Gehen ist, verknüpft mit inhaltlichen Impulsen. Um den TeilnehmerInnen zu helfen, sich zu konzentrieren, fingen sie an, ihre Yogakenntnisse einzusetzen. "Ich habe gemerkt, dass ich durch Yogaübungen die Menschen in den Augenblick holen kann, heraus aus dem allgemeinen Reden über Vergangenes, hin zur Gegenwart", erläutert Renate Veitl-Müller. Dieses bewusste Gehen, zwischendurch auch einmal im Schweigen, zeigt rasch seine Wirkung, ist sie überzeugt: "Du kommst raus aus dem Kopf mit seinen tausend Gedanken und fängst wieder an, dein Herz zu hören. Das passiert ganz schnell durch das Gehen."
Entdeckungen im eigenen Inneren und am Weg
Seit sich Renate Veitl-Müller regelmäßig auf den Weg macht, hat sich ihre innere Haltung verändert. "Ich muss nicht mehr so kämpfen", sagt sie. "Früher habe ich immer gezweifelt, und das Glauben war gar nicht so einfach. Jetzt denke ich, ich kann nur noch glauben, es geht ja so einfach." Und dieser Prozess ist nicht abgeschlossen, das Pilgern prägt sie weiterhin. So ist sie inzwischen sicher schon zehnmal die Strecke zwischen Metten und Niederalteich gegangen. Immer hat sie neue Impulse für die Teilnehmerinnen mitgenommen. Denn was sie neu für sich entdeckt hat, will sie auch weitergeben. Der Pilgerweg hat die beiden Begleiterinnen nicht nur Entdeckungen im eigenen Inneren machen lassen. Auch Begegnungen mit Menschen auf dem Weg und die Gemeinschaft mit den Pilgern sind ihnen wichtig. So schildert Beatrix Götzer: "Abendstimmung bei der Marienkapelle oberhalb von Pleinting. Der Blick schweift über das glänzende Band der Donau zu den Farbspielen des Sonnenuntergangs. Zur Pilgergruppe, die seit zwei Tagen auf der 'Via Nova' unterwegs ist, hat sich ein Hausgeistlicher aus der Landvolkshochschule Niederalteich gesellt. Er hat eine Tasche voll Rhythmusinstrumente mitgebracht. Dann haben alle das Trommeln und Schlagen und Pfeifen angefangen. Zuerst ging alles durcheinander, jede hat probiert. Mit der Zeit hat sich ein Rhythmus eingestellt, das war ein gemeinsames Musizieren, als wenn wir schon ewige Zeiten zusammen gespielt hätten. Keine wollte mehr aufhören, und keiner wollte mehr gehen. Ein paar haben zu tanzen angefangen. Bis es dunkel wurde, saßen wir da zusammen und haben einfach musiziert." Immer wieder erlebt Beatrix Götzer, wie schnell die Pilgergruppen zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen. Für sie selbst haben sich aus den Pilgergemeinschaften schon einige gute Freundschaften entwickelt. Beide Begleiterinnen haben mit dem Pilgern zu ihrer Form der spirituellen Weiterentwicklung gefunden, die sie mit Leidenschaft weitergeben.
Das Leben als Geschenk begreifen
Die KDFB-Frau Petra Kurten, Professorin für Dogmatik an der Fakultät für Religionspädagogik der Universität Eichstätt, kennt die Leidenschaft für das Pilgern schon länger. Nach ihrem Abitur 1973 beschleicht sie das Gefühl, dass sie den Freiraum eines langen Pilgerweges brauchen würde, um sich über ihre Zukunft klar zu werden. Da sie auf der Abiturfahrt die ökumenische Kommunität Taizé kennen gelernt hatte, entschied sie sich, von der französischen Grenze aus zu Fuß zu diesem spirituellen Treffpunkt der Jugend zu gehen. Ihre Hoffnung auf Klarheit wurde erfüllt. In Taizé wusste sie, dass sie Theologie studieren würde. "Ich habe auf diesem Weg erfahren, dass ich begleitet und getragen bin." Beim Unterwegssein in der Natur ging ihr auf, wie viel im Leben ein Geschenk ist. "Wir haben im Alltag unser Leben scheinbar in der Hand. Beim Pilgern merken wir schnell, dass wir eigentlich nichts in der Hand haben. Denn wenn es plötzlich regnet, eine Blase am Fuß das Vorankommen verhindert oder der Weg zu lang erscheint, dann müssen wir damit umgehen." Sie ist überzeugt, dass solche Situationen eine Gelegenheit bieten, das zu entdecken, was hinter allem liegt, das, was nicht machbar ist. "Die religiöse Erfahrung, die ich in der Natur machen kann, ist die Erfahrung der Dankbarkeit. Ich empfange etwas. Zwar bin ich es, die eine Wegstrecke oder einen Berg bewältigt, aber ich spüre, dass ich das nicht allein geschafft habe, sondern es wurde mir geschenkt", so Kurten. Ein anderes Geschenk ist die Gastfreundschaft, die Pilger auch heute noch immer wieder unverhofft erleben können. Petra Kurten ist überzeugt, dass solche Erfahrungen in den Alltag hineinwirken. "Wenn sich bei mir Aufgaben und Termine häufen, erinnere ich mich, wie ich den letzten unüberwindbar scheinenden Berg geschafft habe: Schritt für Schritt. Sobald ich das ,Schritt für Schritt? auf meine Aufgaben im Alltag beziehe, gibt das eine große Gelassenheit." Um sich an diese Gelassenheit zu erinnern, geht Petra Kurten manchmal nur einen Tag lang eine Strecke auf einem Pilgerpfad.Vor etwa acht Jahren ergab sich für die Theologin, die sich auch zur Erlebnispädagogin und Wanderführerin ausbilden ließ, die Gelegenheit, den Pilgergedanken weiter zu verbreiten. An ihrem Lebensort Salzburg konzipierte sie gemeinsam mit dem Beauftragten für Tourismuspastoral eine Ausbildung für PilgerwegsbegleiterInnen. Dieser dreiteilige Kurs, den sie in Kooperation mit dem örtlichen Bildungswerk schon in Salzburg, Südtirol, Tirol und Bayern angeboten hat, ist nicht an eine Pilgerroute gebunden. Vielmehr gehört es zur Ausbildung, dass die TeilnehmerInnen eine eigene einwöchige Pilgerwanderung planen und entwerfen. Dabei entstand die Idee, eine neue Pilgerroute auf den Spuren des Heiligen Ruperts zu entwickeln. Der Heilige Rupert hat vor fast 1300 Jahren das Christentum in Salzburg erneuert. Petra Kurten ließ sich begeistern. Es sollte eine Wegstrecke gefunden werden, die nicht auf Asphalt, sondern stets auf Wanderwegen verläuft. Außerdem sollten Naturschönheiten mit einbezogen werden, um das Heilige dieser Orte deutlich werden zu lassen. Das war vor zwei Jahren. Bereits am 24. September 2007, dem Gedenktag des Heiligen, wurde die Strecke eingeweiht. Sie beginnt in St. Gilgen beim Europakloster Gut Aich, von wo eine kurze Strecke zusammen mit der Via Nova nach St. Wolfgang führt. Ihr Ziel ist Bischofshofen mit dem Rupertuskreuz, dem größten erhaltenen Metallkreuz des ersten Jahrtausends. Die Strecke von 110 Kilometern gehen geübte Wanderer an sechs Tagen. Dabei sind an keinem Tag weniger als 500 Höhenmeter zu bewältigen. "Das sollte niemanden abschrecken", betont Petra Kurten. Denn die Tagesetappen können zumeist mehrfach aufgeteilt werden. Sie hat bei der Streckenplanung darauf geachtet, dass die PilgerInnen nicht nur Naturwunder, sondern auch die Wurzeln der regionalen christlichen Tradition in Kapellen und Kirchen entdecken können.
Bereit sein zum Aufbruch
Hildegund Keul, Leiterin der Arbeitsstelle für Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, will ebenfalls zu christlicher Tradition, zur Frauentradition führen. Sie lädt zu einer besonderen Art der Pilgerschaft ein, zu Lebensorten zweier heiliger Frauen: Mechthild von Magdeburg und Elisabeth von Thüringen. Dazu hat sie das Büchlein "Lebensorte - Lebenszeichen" herausgegeben, in dem sich AutorInnen auf die Spuren der Heiligen begeben. Die Beiträge machen deutlich, wie die beiden 1207 geborenen Frauen noch heute Impulse für die eigene Pilgerschaft durch das Leben geben können. Bei der Mystikerin Mechthild von Magdeburg, an die bis September noch zahlreiche Veranstaltungen erinnern, wird die Bereitschaft zum Aufbruch deutlich. Noch im Alter von 60 Jahren wagte sie einen Neuanfang im Kloster Helfta. Hildegund Keul ist überzeugt, Mechthild von Magdeburg hat auf ihren Pilgerwegen erfahren: "Christliche Berufung ist Berufung zum Aufbruch, zu Wandel und Umkehr."
Anne Granda
KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 7/08