Jeder Mensch klatscht gerne. Doch die wenigsten geben das zu, außer sie bleiben anonym: "Ich habe am Klatschen über andere Leute manchmal eine tierische Freude. Aber es kann auch eine Waffe sein, weil man jemandem übel mitspielen kann", erzählt eine 40-jährige Angestellte aus Regensburg. Seit der Sandkastenzeit ist sie mit der Ober-Klatschbase ihres Ortes befreundet, dem "Amtsblatt vom Dorf": "Ich weiß zum Beispiel, dass verschiedenste Geschichten über mich kursieren, weil meine Freundin nichts für sich behalten kann. Da muss ich genau aufpassen, was ich ihr erzähle."
Thomas, einen 43-jährigen Bankangestellten aus Düsseldorf, amüsieren die Geschichten, die andere über ihn verbreiten: "Ganz aktuell ist, dass ich mit meiner Kollegin zusammen sein soll. Und da ist sogar was Wahres dran: Ich wäre es gerne, aber sie interessiert sich leider für einen anderen." Ungewöhnlich für einen Mann: Thomas liest gerne Klatschzeitungen. Und am liebsten klatscht er mit Frauen: "Sie sind einfach gesprächiger. Wir reden viel über Leute aus dem Freundeskreis. Mit Männern rede ich mehr übers Geld, die Firma und über Frauen - über die am allermeisten."
Geredet wird über die, die nicht da sind
Das Lexikon definiert Klatsch als eine Form der Unterhaltung, bei der auch unbelegte Informationen über nicht anwesende Personen ausgetauscht werden. Klar ist: Während ältere Menschen Klatsch als etwas Negatives empfinden, wird er von der "Internet-Generation" eher positiv gesehen. Neugierig verfolgen Jüngere das allgegenwärtige Geplauder über Prominente in Zeitschriften, Fernsehen, Internet.
Der Literaturwissenschaftler und Soziologe Christian Schuldt erkannte bei einer Buchrecherche, wie allgegenwärtig Klatsch geworden ist. Ob im Büro, an der Börse, an Nachbars Zaun, in Wirtschaft, Politik, Internet: "Klatsch weckt Neugierde, entfacht Sensationslust und Schadenfreude, bestätigt Ängste, Misstrauen, dient der Statuserhöhung, macht Machtlose mächtig und schweißt Klatschende zu Komplizen zusammen", schreibt er in seinem Buch (Christian Schuldt: Klatsch! Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz, Insel, 2009, 18 Euro).
Frauen pflegen ein dichteres Netz an sozialen Kontakten
Nicht zufällig ist Fama, die römische Gottheit des Klatsches, eine Frau, galten doch Klatsch und Tratsch schon im alten Rom als Domäne des weiblichen Geschlechts. "Aus feministischer Perspektive hingegen war der Klatsch unter Frauen schon immer ein sichtbares Zeichen ihrer Solidarität", erklärt Schuldt. In männlich geprägten Gesellschaften waren Frauen früher von öffentlichen Aktivitäten ausgeschlossen und durften nicht bei städtischen Angelegenheiten mitreden. Dieses verweigerte Recht holten sie sich mit dem Klatsch gewissermaßen zurück, indem sie auch die geheimen, intimen Aspekte der öffentlichen Belange besprachen. Christian Schuldt ist überzeugt: Heute noch pflegen Frauen ein dichteres Netz an sozialen Kontakten als Männer.
Studien belegen, dass zwei Drittel aller Gespräche aus Klatsch und Tratsch bestehen. Klatsch ist daher als Beziehungsarbeit zu sehen. Gerüchte und seichtes Geschwätz sind sozialer Kitt und vermitteln ein Wir-Gefühl in Gruppen und Zweierbeziehungen. Das wissen auch Ehe-Forscher: Paare, die viel über andere reden, halten eher zusammen. Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt es aber in der Frage, wie geklatscht wird. Frauen tratschen vor allem über andere Menschen, Männer hingegen am liebsten über sich selbst und über Frauen - auch wenn sie schon eine haben.
Gut informiert sein erhöht den eigenen Status
Andererseits fürchten sich viele vor Klatsch und sozialer Kontrolle. Jeder weiß: Wer die Regeln einer Gemeinschaft verletzt, gerät leicht in Gefahr, Opfer böser Zungen zu werden. Die Wahrheit bleibt dabei oft auf der Strecke, denn auch Unzutreffendes wird gerne weitergegeben. Klatsch gilt deshalb als Mittel der Intrige: Im Gerede schwingen Feindseligkeiten und Rivalitäten mit. Und: Klatsch dient dazu, den eigenen Status zu erhöhen. Wer brisante Informationen erfährt und weitergeben kann, gewinnt selbst an Bedeutung. Ein Trost: Nur fünf Prozent der Gerüchte sind letztlich als bösartig einzustufen, das haben Studien belegt.
Das gemeinsame Tratschen dient auch als soziales Frühwarnsystem: So verrät zum Beispiel der Flurfunk im Unternehmen einem Jobanfänger, vor welchen Kollegen und Kolleginnen er sich in Acht nehmen sollte. Weil Klatsch so wichtig ist, um sich im sozialen Umfeld zurechtzufinden und andere richtig einzuschätzen, hat sich das menschliche Gehirn angepasst: Klatschgeschichten über Bekannte und Freunde werden viel genauer abgespeichert als sachliche Informationen. Das bestätigt eine Studie des amerikanischen Psychologen Frank McAndrew, der herausfand, dass Menschen automatisch Informationen bevorzugen, mit denen mögliche Konkurrenten ausgestochen werden könnten. So lesen Männer in Klatschzeitschriften am liebsten Berichte über Verfehlungen männlicher Stars, Frauen hingegen bevorzugen Negatives über ihre Geschlechtsgenossinnen. Und alle lieben es, wenn Stars "klein" geklatscht werden - zurechtgestutzt auf ein menschliches Maß.
Klatsch über die feinen Leute am Waschplatz
Bereits im Mittelalter holte man auf den Waschplätzen die feinen Leute gerne vom Thron. Frauen wuschen mit klatschenden Schlägen deren schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit und spekulierten dabei laut, woher wohl die Flecken der abwesenden Wäscheträger herrührten. Davon leiten sich die Begriffe wie "Klatsch", "Gewäsch" oder die Redewendung "Klatschen wie die Waschweiber" ab. Männer trafen sich lieber in Wirtschaften. Und die feineren Herren frequentierten später die Kaffeehäuser, um einen vermeintlich seriösen Klatsch zu pflegen. Ende des 18. Jahrhunderts zogen die Frauen an der Kaffeefront nach: Im privaten Rahmen wurde der Tratsch beim Kaffeekränzchen oder Kaffeeklatsch eingeführt - Veranstaltungen, über die Männer damals wie heute die Nase rümpfen.
Klatsch ist eine kommunikative Gratwanderung: Einerseits ist er unterhaltsam und informativ, schafft Vertrauen und baut Aggressionen ab. Andererseits beruht er oft auf wenig ehrbaren Motiven wie Neid, Eifersucht, Geltungsdrang oder Rache und kann so zu Verleumdung und Rufmord führen. Wer klatscht, macht sich beliebt, solange er es nicht übertreibt. Die "beklatschte" Person darf nicht zu sehr herabgesetzt werden. Klatsch hat immer auch versöhnende Elemente, die diejenigen, über die geredet wird, als Teil der Gruppe bestätigen.
Wer "moralisch einwandfrei" klatschen will, sollte nur beschreiben und nicht bewerten. "Akzeptabler" Klatsch wäre demnach: "Weißt du schon, dass Markus jetzt mit der Chefsekretärin zusammen ist?" Gelästert wäre: "Weißt du schon, dass Markus jetzt mit der blöden Kuh aus dem Chefsekretariat zusammen ist?"
Wie man sich gegen Klatsch wehren kann
Die Autorin Cornelia Topf beschreibt in ihrem Buch "Klug getratscht ist halb befördert", wie man Klatsch gezielt als Karriereleiter nutzt, aber auch, wo der Spaß aufhört und wie man sich wehren kann, wenn die Lästermäuler übertreiben (Cornelia Topf: Klug getratscht ist halb befördert. Intelligent kommunizieren in Beruf und Privatleben, Goldmann, 2007, 7.95 Euro). Weil Klatsch so leicht geglaubt wird, ist er ein gefährliches Manipulationsmittel. Wie das Sprichwort sagt: Irgendetwas bleibt immer hängen!
Die Kommunikationstrainerin rät, Gerüchte nicht zu dementieren, denn so würden sie sich nur verstärken. Mit provokanter Übertreibung ist man nach Ansicht Topfs besser dran: "Man nimmt einfach das Argument des Klatschmauls auf und übersteigert es derart, dass sich seine Lächerlichkeit von selbst entlarvt." Eine andere Möglichkeit ist es, über sich selbst genau das Gegenteil zu verbreiten. Denn eine Studie des Plöner Max-Planck-Instituts für Evolutionsbiologie fand heraus, dass Klatsch und Tratsch die Meinungen anderer Menschen beeinflussen können, und zwar in gleichem Maße positiv wie negativ.
Die dritte Möglichkeit: "Nehmen Sie sich das Klatschmaul zur Brust, und zwar unter vier Augen?, rät Cornelia Topf. Denn bei einer öffentlichen Aussprache wisse man nie, für wen die Zuhörer Partei ergreifen. Beim Gespräch unter vier Augen sollte man sachlich bleiben. Einfach nur ohne Vorwurf fragen: ?Warum haben Sie das gesagt?" Oft kommt dabei heraus: Der Andere hat sich nicht viel dabei gedacht!
Lässt ein Lästermaul nicht vernünftig mit sich reden, sollte dennoch auf Drohungen verzichtet werden. Besser ist es, zunächst lediglich ein Verbot auszusprechen: "Machen Sie das nie wieder!" Dann umdrehen und gehen. Denn eine Eskalation verbessert die Situation niemals. "Geben Sie Ihren Rachegelüsten nicht nach, sondern strafen Sie das Lästermaul mit Nichtachtung und Ironie, das bringt Schandmäuler schneller zum Verstummen als die offene Konfrontation", empfiehlt Cornelia Topf.
Fließender Übergang zum Mobbing
Reagiert das Klatschmaul auch nach mehrmaligem Verweis nicht, handelt es sich um Mobbing. Der Übergang zwischen bösem Klatsch und Mobbing ist fließend und oft kaum merklich. Mobbing beginnt dann, wenn das Opfer leidet, weil Mobber wiederholt böse Geschichten verbreiten, die schaden sollen. Cornelia Topf rät: "Immer so früh wie möglich aktiv werden!" Die Mitarbeitervertretung einschalten, sich Unterstützung bei Kollegen und Vorgesetzten holen und sich einen auf Mobbing spezialisierten Trainer suchen.
Soziologe Christian Schuldt empfiehlt eine bewährte Mobbing-Prävention: klatschen. Denn wer nicht klatscht, kommt am ehesten ins Gerede - und riskiert damit auch, zum Mobbing-Opfer zu werden. Wer Klatsch über die eigene Person verhindern will, muss selbst mitklatschen. Denn getratscht wird nur über Abwesende - nach dem Motto: Wer nicht mitklatscht, der gehört nicht dazu.
Zugegeben: Es befreit ungemein, hin und wieder über jemanden zu lästern. Doch wer zu viel lästert, zum Beispiel über den Chef, schadet sich selbst. Denn es fällt dann schwer, dem Vorgesetzten offen ins Gesicht zu schauen, Befangenheit stellt sich ein, die Beziehung wird belastet. "Lästert man oft über etwas oder jemanden, provoziert man damit ein vermehrtes Auftreten dessen, worüber man lästert", folgert Claudia Topf.
Ein Schwätzchen als Stresskiller
Positiver Klatsch im Beruf kann hingegen die Karriere fördern: Studien beweisen, dass Klatsch Produktivität, Kreativität und Teamgeist fördert. In Arbeitspausen wird in der Regel produktiver kommuniziert als in offiziellen Besprechungen. Klatsch hilft Mitarbeitern auch, besser mit Druck, Stress und Kummer fertig zu werden. Wie die Deutsche Angestellten-Krankenkasse herausfand, setzen 76 Prozent der Beschäftigten auf ein Schwätzchen als Stresskiller am Arbeitsplatz. Und Klatsch schweißt Teams zusammen: Dadurch, dass man über Außenstehende redet, entsteht ein Wir-Gefühl. Wer wohl dosiert klatscht, erfährt soziale Aufwertung und ist beliebt - nicht, weil er klatscht, sondern weil anderen auffällt, dass ihr Gegenüber stets bestens informiert ist, aufmerksam zuhört und unterhaltsame Geschichten zu erzählen weiß. Wer klug klatscht, erzählt nichts Böses über seine Mitmenschen, sondern redet über alle Themen, bei denen er nicht über sie herziehen muss.
Persönlicher Kontakt schafft Beißhemmung
Die größte Klatsch-Plattform aller Zeiten ist das Internet: Nie zuvor war es so einfach, Gerüchte zu verbreiten - weltweit. Deshalb gilt im Web: Je weniger man über sich verrät, desto besser. Und auch im wirklichen Leben heißt es: Miteinander reden ist besser als übereinander. Buchautorin Cornelia Topf: "Menschen, mit denen Sie reden, werden nie so schlecht über Sie reden wie Menschen, mit denen Sie überhaupt nicht reden. Persönlicher Kontakt löst eine Art Beißhemmung aus!"
Karin Schott
KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 3/2010