Wenn zwei sich ineinander verlieben, verändert sich die Welt. Manchmal geht das schlagartig, manchmal wächst die Zuneigung leise, aber stetig, sie reichert sich an, um einen ersten Blick, ein erstes inneres Berührtsein, um ein verwundertes Erkennen: Hier bin ich ganz, hier bin ich gemeint. Wirklich ich. Nicht die Rolle, die ich ausfülle, nicht die Leistung, die ich bringe, nicht die Erwartung, die ich befriedige. Nein, mich selbst meint dieser andere Mensch, mich, so wie ich bin. Wer es erlebt hat, weiß, wie viel Kraft und Energie das freisetzt, wie lebendig man sich fühlt, wie unvermittelt die Grenzen zwischen zwei Menschen fallen.
Vielleicht fühlt sich auch eine Berufung an wie dieser Moment des Erkennens in der frühen Liebe: Gott meint mich. Gott will mich. Gott ruft mich. Ich bin gemeint, ich ganz persönlich. Und vielleicht kann der Ruf Gottes einen Menschen ebenso davontragen - über alle Widerstände, Barrieren, Ängste hinweg ? wie es die Liebe tut. Beides jedenfalls ist nicht von dieser Welt und nur mit dem Herzen zu begreifen.
Michael Sell hat beides erfahren: Den Ruf Gottes und den Ruf der Liebe. Der 37-jährige ehemalige Pfarrer im nordbayerischen Hammelburg ist im Oktober vergangenen Jahres vom Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann seines Amtes enthoben worden, als bekannt wurde, dass er nicht nur eine Liebesbeziehung hat, sondern auch ein Kind: Im September war sein kleiner Sohn Leonard geboren worden. "Warum sind Sie nicht früher gekommen?", soll ihn der Bischof gefragt haben. Aber was wäre dann besser gewesen?
Ein Gegensatz: priesterliche Berufung und Liebe zu einem Menschen?
Viele der Fragen, die sich an einen wie Michael Sell richten, sind lebensfern und schon deshalb nicht zu beantworten, weil sie nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Verstand gestellt werden, sozusagen mit dem Kirchenrecht unter dem Arm: Warum zog er denn, dem Zölibat verpflichtet, nicht früher einen Schlussstrich unter seine Liebesbeziehung? Warum ließ er sie wachsen, sich entwickeln, bis sie so groß war, dass sie ihn zur Entscheidung zwang, ob er weiter Pfarrer sein wollte oder weiter ein Mann, der eine Frau liebt? Und ein Kind, dem er nicht verheimlichen will, wer sein Vater ist. Ein Kind, das, wenn es sprechen kann, "Papa" zu ihm sagen soll, nicht "Onkel", damit keiner merkt, dass der Mann am Altar Vater ist.
Wer so fragt, weiß nicht, wie die Liebe entsteht und kennt nicht die gestaltende, verwandelnde Kraft, die sie besitzt. Man müsste anders fragen: Warum kann einer wie der frühere Hammelburger Pfarrer Michael Sell nicht weiter Priester sein, obwohl ihn die Hammelburger behalten wollten, obwohl er ein leidenschaftlicher, ein charismatischer Pfarrer war, einer der die Menschen erreichte, die Jungen wie die Alten, der begeistern konnte für das Christentum? Warum muss die Liebe im unvereinbaren Gegensatz zu einer göttlichen Berufung ins Priesteramt stehen? Und was ist, wenn ein Mensch beide Berufungen spürt? Kann das Kirchenrecht die eine oder die andere für ungültig erklären? Ist das richtig? Ist das gottgewollt?
Beten für die freie Entscheidung
Auch gut katholische Mitglieder aus Michael Sells früherer Gemeinde in Hammelburg fragen inzwischen so. Der Wirbel um die Suspendierung des beliebten Pfarrers ist nicht verweht, im Gegenteil: Das Aktionsbündnis "Kirche in Bewegung" gründete sich als Reaktion. Jeden Donnerstag kommen seither Hunderte in der Pfarrkirche St. Johannes zusammen, zünden Kerzen an, singen und beten. Beten zum Heiligen Geist für eine Erneuerung der Kirche, beten, dass endlich Reformen stattfinden, beten für die Abschaffung der Pflicht zum zölibatären Leben für katholische Pfarrer. Das Ziel dieser Menschen ist: "Wir wünschen uns, dass es Priestern kirchenrechtlich freigestellt wird zu entscheiden, ob sie ihre Berufung im Zölibat oder als verheiratete Priester leben wollen. Dadurch wird zum einen der Ehestand auch in seiner spirituellen Bedeutung wirklich gleichberechtigt, zum anderen gewinnt der Zölibat durch die betonte Freiwilligkeit an Wert." (www.kircheinbewegung.net)
Was in Hammelburg geschieht, zeigt: Die Diskussion um den Zölibat ist neu entbrannt. Schon einmal, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, schien die Abschaffung des Pflichtzölibates denkbar - und viele Priester, die in den Jahren danach geweiht wurden, rechneten damit. "Wir sehen uns bei deiner Hochzeit!" war damals eine freche, optimistische Grußformel unter Pfarrern.
Doch dann vergingen die Jahre und nichts geschah, außer: Es gab, besonders in Europa und Amerika, immer weniger Priester. In Deutschland sinkt ihre Zahl ständig seit Ende der 70er-Jahre, von damals etwa 25.000 auf aktuell etwa 15.000. Im vergangenen Jahr wurden erstmals weniger als 100 Neupriester für die 27 Bistümer geweiht. Viele machen dafür den Pflichtzölibat verantwortlich, der junge Männer abschreckt, sich für den Beruf des Priesters zu entscheiden. Oder sie dazu bewegt, aus ihrem Amt wieder auszuscheiden, um zu heiraten, wie es nach den Informationen einer italienischen Jesuiten-Zeitschrift in den vergangenen 40 Jahren weltweit 69.000 Priester taten.
"Theologisch nicht notwendig"
Priestermangel - ein Dauerthema. Auf der Bischofssynode 2005 in Rom wurde der Zölibat als Ursache zwar angesprochen, der Vorschlag zur Reform fand aber keine Mehrheit unter den Würdenträgern. Doch die Diskussion ging weiter. Namhafte Theologen, darunter der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner, der Tübinger Professor Ottmar Fuchs und der Innsbrucker Altbischof Stecher sprachen sich für die Aufhebung des Pflichtzölibats aus. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch hält den Zölibat für "theologisch nicht notwendig" und wandte sich wiederholt gegen Denkverbote bei der priesterlichen Verpflichtung zur Ehelosigkeit.
Der neue Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, stieß im vergangenen Herbst die Debatte mit der Bemerkung wieder an, er würde es begrüßen, "wenn bewährte, verheiratete Diakone mit einer entsprechenden Fortbildung zur Priesterweihe zugelassen würden." Viele stimmten zu, der Augsburger Bischof Walter Mixa reagierte empört: "Man könnte erwarten, dass der Vorsitzende des Zentralkomitees angesichts eines zunehmend aggressiven Atheismus und der Verdunstung menschlicher Werte in unserer Gesellschaft andere Sorgen hat, als eine neuerliche Debatte über den Zölibat vom Zaun zu brechen." Zu einem Interview über die Vorzüge des Zölibats mit "KDFB Engagiert" war der Bischof jedoch nicht bereit, wie sein Sprecher mitteilte.
Der Mut, den eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen
Einer, der aus dem Amt ausschied, um eine Familie zu gründen, ist der 75-jährige Wolfgang Dettenkofer. Wenn man seine Wohnung im oberbayerischen Bad Endorf betritt, fällt der Blick gleich im Flur auf eine Fotogalerie. Liebevoll arrangiert hängen die Bilder der Enkelkinder neben Fotos vom Sohn, von der Tochter, der Nichte, dem Großneffen. Dass es eine solche Familiensammlung einmal geben würde, ist nicht selbstverständlich. Denn Wolfgang Dettenkofer hatte wie seine Frau Sieglinde Dettenkofer-Lakmeyer Ehelosigkeit gelobt: Sie als Ordensfrau der Karmelitinnen, er als Mönch und Priester. Der Zölibat wurde ihr Lebensthema, jedoch anders als ursprünglich geplant.
Der 75-jährige Wolfgang Dettenkofer ist ein temperamentvoller, kämpferischer Mann, einer der weiß, dass er etwas zu sagen hat, und es deutlich sagt. Wenn er hört, dass es über ehemalige Pfarrer heißt, sie seien "am Zölibat gescheitert", wird er wütend: "Gescheitert! Ich bin nicht am Zölibat gescheitert. Die Kirche ist mit mir am Zölibat gescheitert. Ich lasse mich nicht in die Ecke stellen, dass ich ein Gescheiterter bin. Denn es gehört viel Mut und viel Glauben dazu, das durchzustehen, was wir erlebt haben." Der Mut, umzukehren und neu anzufangen, wenn man erkannt hat, dass der alte Weg falsch war. Der Mut, gegen Widerstände, Ungerechtigkeiten und Mobbing zu kämpfen. Sich gegen das Gerede der Leute zu stemmen, gegen die Bemerkungen hinter vorgehaltener Hand, gegen die Redeverbote und das Gefühl, im kirchlichen Raum mit dieser Lebensgeschichte nirgends willkommen zu sein. Noch heute urteilen strengkatholische Gruppen auf ihren öffentlichen Internetseiten über Männer wie Michael Sell oder Wolfgang Dettenkofer und deren Frauen verächtlich und ehrabschneidend.
Doch zurück zum Anfang der Beziehung, in den 70er-Jahren. Sieglinde Dettenkofer-Lakmeyer war aus dem Orden ausgeschieden, ohne dass die Liebe im Spiel war. Andere Gründe waren maßgeblich. Ihre Erfahrungen hat sie in einem gut 700 Seiten starken Buch aufgeschrieben und verarbeitet. Der Titel: "Die Wunde, die erst im Himmel heilt". Nach ihrer Zeit als Ordensfrau arbeitete sie in München als Religionslehrerin. Und damals lernte sie ihren späteren Mann kennen.
Ein anderes Leben wählen
Der war zu diesem Zeitpunkt Pfarrer einer Münchner Innenstadtgemeinde. Und wusste bereits, dass er sich in seinem Leben nicht wohlfühlte, dass etwas nicht stimmte mit seinem Lebensentwurf. Zum Gymnasium in der Klosterschule, zum Theologiestudium, zur Weihe hatte ihn, den begabten Buben aus einem Dorf bei Regensburg, die Mutter ermutigt und gedrängt. An Sinnfragen und Religion sehr interessiert, war er froh über die Chance, der dörflichen Enge zu entkommen. Und die Mutter war so stolz, dass der Sohn Pfarrer wurde. Auf einem alten Foto sieht man noch, dass zum Tag seiner Primiz ein Transparent vors elterliche Haus gespannt war, auf dem stand: "Ein Stern geht auf über diesem Haus, es kommt ein Neupriester heraus." Alles schien zu passen: Die Mutter hoffte, ihren Lebensabend in seiner Nähe zu verbringen, die Schwester sollte seine Haushälterin werden, alle drei wären wohl versorgt gewesen. Für Dettenkofers Mutter war es sehr schwer, als der Sohn das Amt aufgab, um zu heiraten. "Im Dorf war das für sie eine große Schande. Für mich war es leichter als für sie", erinnert er sich.
Als Wolfgang Dettenkofer Sieglinde kennenlernte, war der Entschluss bereits gereift, sein Leben zu verändern. Er weiß noch, wann das feststand, im Herbst 1969. Da unternahm er eine Bergtour, wollte ein Marterl zweier Jugendlicher aus seiner Gemeinde besuchen, eines jener Wegkreuze, die in den Alpen seit jeher an Stellen zur Erinnerung aufgestellt werden, wo Menschen am Berg ums Leben kamen. Er war allein. Verirrte sich, verstieg sich in der Wand. Stürzte und riss sich das Bein auf. Bekam Angst. Weiter klettern ging nicht mehr, das Bein war nicht mehr belastbar, die Wunde pochte. Auf einem Felsvorsprung notierte er entkräftet in seinem Kalender, wo man ihn beerdigen sollte. Und dann stieg er ab. Kämpfte zwei Stunden lang gegen den Fels. Und schaffte es. "Da hatte ich blitzartig die Erkenntnis: Ich will das Leben wirklich leben! Ich will den Zölibat nicht. Ich will eine Familie. Ich suche mir eine Frau." Voriges Jahr erst hat sein erwachsener Sohn die Stelle besucht und dem Berg gedankt: "Wenn du meinen Vater nicht freigegeben hättest, gäbe es mich nicht."
Auf der Suche, Liebe und Berufung verbinden zu können
Der Rest wäre schnell erzählt, neuer Beruf, Liebe, Heirat, zwei Kinder, wenn, ja, wenn da nicht die Berufung gewesen wäre. Priester sein. Verkünden, woran er glaubt. Seelsorge. Es gab eine Zeit, da überlegte Wolfgang Dettenkofer, zur altkatholischen Kirche überzutreten, da hätte er beides verbinden dürfen, Liebe und Berufung. Doch die Familie hätte mit übertreten müssen und das wollte seine Frau, verwurzelt im katholischen Glauben, nicht. In dieser Zeit, Anfang der 80er-Jahre, sah Sieglinde Dettenkofer-Lakmayer einen Bericht über Frauen, die eine Beziehung zu einem Priester unterhielten, und nahm Kontakt auf. Damals entstand die "Initiativgruppe vom Zölibat betroffener Frauen" (www.zoelibat-frauen.de), die sich noch heute zwei Mal jährlich an einem Wochenende an wechselnden Orten zum Austausch trifft. Dabei sind Frauen, die eine heimliche Beziehung zu einem Priester führen, die Kinder von einem Priester haben oder mit einem ehemaligen Priester verheiratet sind und die das Zölibat als unbarmherzig empfinden. Ähnliche Gruppen gibt es in der Schweiz, in den Niederlanden, in Italien und in Österreich. Auch Wolfgang Dettenkofer arbeitet in einer Gruppe mit: Der "Vereinigung Katholischer Priester und ihrer Frauen" (www.vkpf.de).
Entscheidung gegen ein Versteckspiel
"Mein Leben war ein einziger Kampf gegen das Zölibatsgesetz", sagt Wolfgang Dettenkofer. Die Liebe heimlich zu leben, nach außen hin Pfarrer sein, im Versteckten Frau und Kinder zu haben, so wie es viele tun, wäre für ihn und seine Frau nicht in Frage gekommen. Ihn erbost heute noch: "Man darf im Priesteramt mit dem Zölibat alles machen, nur nicht seine Dinge in Ordnung bringen. Man kann Kinder zeugen, man kann homosexuell sein, das geht alles, da bleibt man im Amt. Nur wenn man ordentlich verheiratet leben will, dann geht das nicht."
"Wenn ich unehrlich bin, dann toleriert das die Kirche", sagt auch der frühere Hammelburger Pfarrer Michael Sell, nimmt aber seinen früheren Arbeitgeber auch ein Stück weit in Schutz. "Ich denke, die Kirche will auch nichts kaputt machen, indem sie Pfarrer zur Ehrlichkeit zwingt, wenn sie eine Beziehung oder sogar Kinder haben." Schließlich bedeutet der Weg aus dem Amt einen Schritt in eine völlig ungesicherte Zukunft - für den Pfarrer, für seine Partnerin, für die Kinder. In den kirchlichen Dienst, etwa als Religionslehrer oder Diakone, werden suspendierte Priester nicht mehr übernommen. Sie müssen nach einer Übergangszeit sehen, wo sie beruflich bleiben. Michael Sell, der noch in Elternzeit ist, überlegt, in Zukunft als freier Seelsorger zu arbeiten, als Trauerredner oder auf Hochzeiten von Menschen, die nicht kirchlich heiraten können oder wollen. Denn seine Berufung spürt er weiterhin: "Es fehlt: Gottesdienste zu zelebrieren, Sakramente zu spenden. Man wird nicht Priester aus Zufall, man spürt eine Berufung. Ich bin überzeugt, dass jede Berufung von Gott gegeben ist, und ich bin davon überzeugt, dass der Heilige Geist durch mich gewirkt hat. Kann da die Amtskirche sagen: Nein, der Heilige Geist hat da wohl leider einen Fehler gemacht?"
Paulus verlangt vom Bischof, ein guter Familienvater zu
Es gibt viele solche Widersprüche, die das kirchliche Beharren auf dem Pflichtzölibat unverständlich machen. Was zum Beispiel kaum jemand weiß: Wohl in jedem Bistum gibt es verheiratete Priester, ehemalige evangelische Pfarrer, die zum Katholizismus übergetreten sind. Auch in den sogenannten unierten Kirchen, Ostkirchen, die in völliger Glaubens- und Sakramentengemeinschaft mit Rom stehen und den Papst als Oberhaupt anerkennen, dürfen Priester verheiratet sein - Bischöfe nicht. Und schließlich machte Papst Benedikt XVI. im Herbst vergangenen Jahres verheirateten anglikanischen Geistlichen das Angebot, sie voll anzuerkennen, wenn sie in die katholische Kirche übertreten wollten. Bei den Anglikanern der Church of England (Kirche von England) können sowohl Priester als auch Bischöfe verheiratet sein.
Warum also hält die Kirche so hartnäckig am Pflichtzölibat fest? Die Bibel selbst nimmt zur Frage des Zölibats nicht Stellung. Zwar schreibt der Apostel Paulus im Korintherbrief "Ich wünschte, alle Menschen wären unverheiratet wie ich", aber auch: "Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben." Und im Brief an Timotheus schreibt Paulus über die Ehe von Geistlichen: "Deshalb soll der Bischof ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet, nüchtern, besonnen, von würdiger Haltung, gastfreundlich, fähig zu lehren; er sei kein Trinker und kein gewalttätiger Mensch, sondern rücksichtsvoll; er sei nicht streitsüchtig und nicht geldgierig. Er soll ein guter Familienvater sein und seine Kinder zu Gehorsam und allem Anstand erziehen."
Seit 1022 schreibt die Kirche die Ehelosigkeit vor
Trotzdem versprechen seit vielen Jahrhunderten römisch-katholische Priester bei ihrer Weihe, die Verpflichtung zur Ehelosigkeit zu halten. Im Jahr 1022 hatte Papst Benedikt VIII. auf der Synode von Pavia angeordnet, dass Geistliche nicht verheiratet sein dürfen. Dass Priester sexuell enthaltsam leben sollen, galt schon länger: Seit der Synode von Elvira im vierten Jahrhundert. Welche tatsächlichen Gründe zur Einrichtung des Zölibats geführt hatten, lässt sich kaum mehr nachvollziehen. Kultische Reinheit mag eine Rolle gespielt haben, auch der ökonomische Interessenskonflikt, dass ein Geistlicher seinen Söhnen gemäß der mittelalterlichen Ordnung Amt, Würde und Pfründe vererben könnte. Jedenfalls war der Widerstand nach der Synode von Pavia groß: Nur wenige Bischöfe wagten es überhaupt, die neuen Gesetze zu verkünden; der Passauer Bischof, der es wagte, wäre vom empörten Klerus damals fast gelyncht worden und wurde schließlich vertrieben.
Freier für den Dienst an Gott
Seither stellt der Zölibat eine unabdingbare Zugangsvoraussetzung für den Empfang der Priesterweihe dar. Das Kirchenrecht, der Codex Iuris Canonici, verlangt: "Die Kleriker sind gehalten, vollkommene und immerwährende Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen zu wahren; deshalb sind sie zum Zölibat verpflichtet, der eine besondere Gabe Gottes ist, durch welche die geistlichen Amtsträger leichter mit ungeteiltem Herzen Christus anhangen und sich freier dem Dienst an Gott und den Menschen widmen können."
Im Wesentlichen wird der Zölibat indirekt aus der Ehelosigkeit Jesu abgeleitet. Der Leiter des Münchner Priesterseminars Monsignore Franz Joseph Baur erklärt es so: "Theologisch ist es ein besonderes Beziehungsangebot Gottes, das der Einzelne spürt und gerne annimmt und darauf eingeht. Es hat aber seine konkrete Seite. Das merke ich dann, wenn ich darüber spreche oder predige: Unser Patron im Haus ist Johannes der Täufer, der Freund des Bräutigams. Das war ein Bild, das gesessen hat, das die Leute gerne angenommen haben. Ja, da ist eine Freundschaft: Christus ist der Bräutigam in dieser Bildwelt, die Kirche ist die Braut, das ist die Beziehung auf die es ankommt. Wir als künftige Priester, wir stehen da dabei aber in besonderer Nähe und Verbundenheit mit Christus."
Mit dieser ganz persönlichen Christusbeziehung könnten sich die Seminaristen, die angehenden Priester, identifizieren, sagt Baur. "Da ist etwas dabei, wo ich ganz höchstpersönlich gemeint bin. Jeder Christ soll und darf das sagen, aber für den, der Priester werden will, hat es besondere Bedeutung: Mit Christus zusammen gehe ich seinen Weg und versuche, in seinen Fußstapfen an dem Anteil zu nehmen, was sein Werk ist und seine Aufgabe: Heute die Kirche zu beleben, zu leiten, da zu sein."
Was bedeutet es, abends in ein leeres Haus zu kommen?
Im Priesterseminar an der Münchner Georgenstraße, mitten in Schwabing, leben zur Zeit etwa 30 Theologiestudenten, die auf dem Weg sind, Priester zu werden. Nicht alle werden das Ziel erreichen: Erfahrungsgemäß werden etwa 60 Prozent eines Jahrgangs geweiht, etwa sieben pro Jahr. Regens Franz Joseph Baur: "Die Kirche hat gewisse Hürden aufgerichtet: intellektuelle Anforderungen, geistlichen Ernst, menschliche Qualitäten, Sozialkompetenz. Und damit ist sie auch gut beraten. Nur wer bereit ist, diese Hürden zu überspringen, zeigt, dass er auch motiviert ist, Kraft hat zu springen und auch bereit ist, etwas zu riskieren. Der Zölibat ist eine Hürde, über die nicht jeder springen wird." Während der Ausbildung wird der Zölibat immer wieder thematisiert, in der geistlichen Begleitung des Einzelnen, aber auch in größeren Veranstaltungen, schwerpunktmäßig im vierten Studienjahr. Da werden Referenten eingeladen, Psychologen, da wird immer wieder betont, dass der Zölibat eine freie Entscheidung ist. Da wird auch das Thema Einsamkeit behandelt: Wie ist es, abends heimzukommen in ein leeres Haus? Wie kann ein Priester persönliche Beziehungen leben? Wo darf er auch Mensch sein, ganz er selbst, nicht nur Pfarrer?
Gemeinde soll zur Familie werden
Alleinsein ist ein wichtiges Thema für zölibatär lebende Menschen. Regens Franz Joseph Baur sagt jedoch, dass Einsamkeit nicht sein muss: "Die Fähigkeit zur Beziehung, zur Offenheit für den anderen Menschen, das Interesse an ihm, das kommt in diesem Beruf ja nicht zu kurz, das hat da seinen Platz. Und das bedeutet nicht nur, dass man verfügbar ist, einfach mehr Zeit hat als ein Mensch, der in einer Ehe lebt, sondern es geht tiefer: Es ist ein wohlwollendes ehrliches Interesse im Herzen, Liebe im Sinn von Caritas: Meine Gemeinde, das ist jetzt meine Familie, das sind die Menschen, für die ich verantwortlich bin, denen ich zugewandt bin."
Michael Sell ist skeptisch, dass dieses Idealbild unter den heutigen Arbeitsbedingungen eines Pfarrers Wirklichkeit werden kann. "Im Seminar herrscht eine andere Lebensform, da ist man Student, da lernt man viele Leute, Männer und Frauen, kennen, findet Freunde, mit denen man reden kann, wo es kaum Distanz gibt. Ich dachte: Gut, später ist die Gemeinde meine Familie, das funktioniert schon, dann bin ich nicht allein. Aber das ist nicht so. Früher war es vielleicht anders: Da waren Gemeinden kleiner, überschaubarer. Da war die Gemeinde wirklich die Familie. Der Pfarrer hatte Zeit, der war am Samstag beim Schafkopfen, am Sonntag auf dem Sportplatz, am Montag beim Chor, der hat wirklich mit dieser Gemeinde gelebt. Und zu Hause war die Pfarrhaushälterin die Ansprechpartnerin."
Große Pfarreien, wenig intensive Kontakte
Er hatte in Hammelburg sieben Gemeinden zu betreuen, ein Pfarrverband mit 7.000 KatholikInnen. "Das ist nicht mehr wie eine Familie, das kann es gar nicht mehr sein. Der Priester ist heute ruckzuck allein. Er ist ständig unterwegs, ständig bei Terminen. Mit den Menschen in der Gemeinde ist man dienstlich im Kontakt. Man kann gar nicht mehr die Beziehungen aufbauen, die nötig sind, um nicht einsam zu werden. Pfarrhaushälterinnen gibt?s auch kaum mehr, vielleicht noch eine Zugehfrau, die putzt und kocht, aber dann wieder geht. Das war damals sicher anders. Das ist der große Unterschied."
Vielleicht, denkt er heute, hat er das in der Ausbildung nicht rechtzeitig begriffen. "Für mich war der Wunsch so stark: Ich will Seelsorger sein, ich will unbedingt Priester sein, dass ich mir vielleicht auch zu wenig Gedanken darüber gemacht habe." Vielleicht ist aber ein noch junger Mann am Anfang seines beruflichen Lebens damit auch heillos überfordert: Einsamkeit, das ist selten ein Thema für junge, aktive Menschen.
Mit Wohngemeinschaften gegen die Einsamkeit
Wenn Menschen vereinsamen, bedeutet das "Isolation, Leere, Verzweiflung, nicht selten auch Verbitterung und Resignation. Manche Priester entwickeln sich zu Eigenbrötlern, andere fliehen in Ersatzbefriedigungen, bei nicht wenigen zeigen sich psychosomatische Störungen. Das Gefühl der Ungeborgenheit und der Ortlosigkeit setzt sich bei vielen fest", formulierten 2003 die Leiter der deutschen Priesterseminare in ihrem gemeinsamen Schreiben "Priester für das 21. Jahrhundert". Eine Lebensform, die diesem Problem begegnet, ist die sogenannte Vita communis, eine Art Wohngemeinschaft mehrerer Pfarrer, die zusammen in einem Pfarrhaus leben und sich gegenseitig auf Zeit Ansprechpartner, Freund, Ratgeber und Familie sind. In einigen Diözesen fördern die zuständigen Personalreferenten dieses Lebensmodell gezielt und bewusst, um der Isolation und Vereinsamung von Pfarrern samt ihrer negativen Folgen entgegenzuwirken. Die Leiter der deutschen Priesterseminare haben sich vor einigen Jahren in einem gemeinsamen Schreiben für die Förderung der Vita communis ausgesprochen, denn: Ein Pfarrer darf kein Single sein. Wer gemeinschafts- und kommunikationsfähig sein soll, braucht selbst etwas, das ihn trägt.
"Jesus war kein Familienmensch"
"Dann kann ich ja gleich heiraten", meint dazu trocken Thomas Schwaiger. Der 61-jährige Priester ist Seelsorger für Pfarrer in der Diözese München und Freising. Sein Verständnis der ehelosen Lebensform zielt in eine ganz andere Richtung. Für ihn sind zölibatäre Menschen Aussteiger, Leute, "die sich ein verrücktes Leben gewählt haben, verrückt im Sinne von Freiheit, Kreativität, Wandlungsfähigkeit, Autonomie."
Jesus, sagt er, war ja gar kein Familienmensch. "Die Geschichte vom Kripperl an Weihnachten, das ist ja eigentlich Ideologie." Knapp und anschaulich folgen die Bibelverweise:
"Jesus zu seiner Mutter: 'Frau was hab? ich mit dir zu schaffen? Was willst du von mir? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.'" Pause.
"Jesus als Zwölfjähriger: 'Haut ab, ihr seid nicht meine Eltern, ich gehe in den Tempel!'" Pause.
"Jesus zu einem Jünger: 'Komm, lass deinen Vater zurück, geh mit!'" Pause.
"Jesus zieht also Menschen mit einer großen Freiheit aus familiären Bezügen heraus", stellt Schwaiger fest: "Das Klischee Familie ist nicht ursprünglich jesuanisch."
Man schluckt erstmal, wenn man Thomas Schwaiger zuhört. Was er sagt ist so gar nicht, was man von einem katholischen Priester erwartet. Da spricht kein geschmeidiger Allesversteher, keiner, der jedes Problem in salbungsvollen Formulierungen ertränkt, keiner, der sich auf die üblichen politisch korrekten gesellschaftlichen und kirchlichen Werte von Familie, Bindung, Rücksichtsnahme bezieht. Da spricht einer, der diese Tabus bricht, der sich stellt, der nicht aufhören will zu denken, der nichts schönredet.
"Zölibatäre sind ja keine Übriggebliebenen"
"Mit der Aufhebung des Pflichtzölibats hätte ich kein Problem, außer, dass man sich umgewöhnen müsste", sagt er. Aber es würde ein ganzer Lebensentwurf verloren gehen, der sich aus Freiheit und Autonomie definiert: "Zölibatäre sind ja keine Übriggebliebenen." Dass dieser klare, überzeugende Mann, der da in seiner Schwabinger Wohnung voller Antiquitäten und Familienporträts eine Zigarette nach der anderen raucht, kein Übriggebliebener ist, glaubt man sofort. "So ein netter Pfarrer", hieß es überall, wo er auftauchte. Und mehr als einmal hielten ihn Gäste bei Hochzeiten erst für den Bräutigam.
Autonomie heißt mehr als Verfügbarkeit. "Es heißt, dass ich ein Leben lang wachstumsfähig, wandlungsfähig, veränderungsfähig bleiben darf und meine Entscheidungen dabei nicht auf eine Familienkompatibilität hin abklopfen muss. Ich darf ein Stück Rücksichtslosigkeit leben. Ich darf sogar mit dem Feuer spielen, weil, wenn ich jemanden in Gefahr bringe, dann nur mich selbst. Und wenn ich morgen auf die Idee käme, nach Afrika gehen zu wollen, dann müsste ich mit meinem Bischof reden, mit meinem Hausarzt, müsste in Klausur gehen - aber dann könnte ich es."
Zölibat kann heißen, freiere Entscheidungen treffen zu können
Nach Afrika ist er zwar nicht gegangen, aber ein wichtiger Umbruch in seinem Leben illustriert, was diese Autonomie bedeutet: Ende der 80er-Jahre war er bereits einige Jahre Pfarrer in Fürstenfeldbruck bei München. Alles war geregelt und eingerichtet: Eine große Gemeinde, ein beliebter junger Pfarrer, ein tolles Team von Mitarbeitern. Seine Eltern hatte er aus Schwabing, wo er aufgewachsen ist, zu sich geholt, den Vater in einem guten Pflegeheim untergebracht, die Mutter in einer kleinen Wohnung in der Nähe, auch eine Tante war nachgezogen. Alles wohl gefügt, es hätte Jahrzehnte so weitergehen können. Aber nach fünf Jahren entschied er: Ich gebe es auf.
Da ist der Aussteiger, der zölibatäre Aussteiger wieder durchgebrochen. "Ich konnte mir nicht vorstellen, jetzt 30 Jahre hintereinander die Erstkommunionen zu managen. Ich will näher an den Menschen sein." Er ging zurück nach München, erst in die Krankenhausseelsorge, dann in die hauptamtliche Seelsorge für Aidskranke, als einer der ersten katholischen Geistlichen in Deutschland. Die wohlgeordnete Vorort-Gemeinde blieb zurück, ebenso die Eltern. "Das hat damals keiner verstanden: Wie konnte ich diese Behaustheit aufgeben zugunsten von etwas wie Aids, einem Thema, das damals Angst gemacht hat? Und für meine Mutter war es zum Beißen. Sie hat das vielleicht nicht als Verrat erlebt, aber als Zumutung sicher. Ich denke, ich musste meine Freiheit ihnen zumuten. Freiheit des Lebens und der Menschen wegen ist immer - weil man sie sich nimmt - eine Zumutung für andere."
Der Abbruch in Fürstenfeldbruck wurde ihm so zu einer neuen Entscheidung für den Zölibat, wie er ihn versteht. "Da gehe ich alleine dem nach, was mir spirituell in der Nase liegt, diesem Geruch gehe ich nach. Ohne die geringste Ahnung davon zu haben, was am anderen Ende dabei rauskommt." Das ist Freiheit, das ist Autonomie.
"Jede Lebensform hat dunkle Seiten"
Dass dazu auch Einsamkeit gehört, ist eine Tatsache. Ein Zölibatärer ist für Schwaiger kein Zwangssingle, sondern einer, der sich für eine bestimmte Lebensform entscheidet und ihre Nachteile in Kauf nimmt und trägt. "Einsamkeit und Alleinsein, das ist für mich ein Zustand, den ich, wo er denn da ist, zu durchschreiten habe. Jede Lebensform hat dunkle Seiten - Schatten, die gibt es auch in der Ehe und die gehören durchgestanden. Es ist eine bewusste Entscheidung, auch diesen dunklen Weg gehen zu wollen und zu müssen, damit das Ganze fruchtbar wird. Ich deute diesen alleingegangenen Weg aus meiner christlichen Spiritualität heraus. Diese Deutung macht es aus."
Eine Zölibatsentscheidung ist damit nicht in erster Linie ein Verzicht auf Sexualität, ein Verzicht auf Liebe, sondern ein Bekenntnis zum eigenen Alleinsein. "Teilweise schaue ich auch mit einer gewissen Skepsis auf Mitbrüder, die sich Ersatzfamilien schaffen, oder auf Priestergruppen. Darum geht es zunächst nicht. Einer, der sich in einer Wohngemeinschaft oder Gruppe versteckt und abkapselt, der kann auch gleich heiraten, denn so eine Ersatzfamilie ist nicht zölibatäres Leben. Wenn Priester gemeinsam ihr Leben gestalten wollen, dann höchstens im Sinne sich gegenseitig behütenden Alleinseins. Wer zölibatär lebt und nur umhersinniert: 'Was hab ich alles hergegeben?', der gerät in eine Verzichtsmelancholie, die nichts Gutes mit einem Menschen macht. Die Möglichkeit, autonom und frei leben zu dürfen - wer das aufgibt, gibt einen ganz starken Strang zölibatären Lebens auf."
Dass ein junger Priesteramtskandidat bereits in der Ausbildung diesen Weg der Autonomie wirklich erkennen kann, ist unwahrscheinlich. Dazu braucht es Reife und Entwicklungsprozesse. Und auch Thomas Schwaiger sagt: "Diese Gedanken hatte ich auch nicht schon kurz nach der Priesterweihe. Und insofern gibt es hier ein innerkirchliches Dilemma: Solange diese Koppelung zwischen Zölibat und Priestertum besteht, wird man sich nicht leicht tun, die Quellen und Qualität zölibatären Lebens wirklich offensiv und gut zu benennen."
Susanne Zehetbauer
KDFB Engagiert-Die Christliche Frau, Ausgabe 3/2010